Ich habe aufgehört zu fragen
Am Anfang habe ich noch ständig alles hinterfragt. Wirkt das wirklich? Kann man das belegen? Wie erkläre ich es plausibel, wenn die Kunden recht haben und die Wissenschaft falsch liegt? Und wenn die Wissenschaft recht hat, was verkaufe ich dann eigentlich? All diese unangenehmen Fragen quälten mich lange.
Dann fing der Umsatz an, sich ordentlich zu entwickeln. Mit dem Umsatz kamen die positiven Kundenfeedbacks, also Bestätigungen von Kunden, die sich bedankten und Sportlern, die sagten, sie hätten noch nie so gut performt. Darunter waren auch normale Leute, die mir erzählten, ihre Rückenschmerzen seien besser geworden. Und das waren keine Ausnahmen, sondern es waren tausende Rückmeldungen und ich stand da irgendwo dazwischen. Zwischen den Wissenschaftlern, die sagten, das sei unmöglich und den Kunden, die es bestätigten. Und ich verdiente Geld.
Wie gesagt, am Anfang interessierten mich die Fragen und ich suchte nach echten Antworten, aber irgendwann verschoben sich die Prioritäten. Nicht bewusst, aber so deutlich, dass das Interesse zumindest am Fragen stellen kontinuierlich abnahm und dann waren auch die Antworten nicht mehr wichtig.
Aus der Frage “Wirkt das?” wird irgendwann die Bestätigung “Die Leute sagen, es wirkt” und dann wird daraus ein “Es funktioniert offensichtlich”. Es waren offensichtlich keine weiteren Antworten mehr notwendig und es stellte auch keiner mehr Fragen und dann hörte auch ich auf damit.
Ich kann mich an den genauen Moment nicht mehr erinnern und es war auch kein einzelner Tag, an dem ich beschlossen habe, es gut sein zu lassen. Es wurde halt einfach immer weniger interessant und zwar direkt proportional zum Umsatzwachstum.
Selbsttäuschung funktioniert eben nicht wie ein Lichtschalter. Es wird langsam immer dunkler, aber du merkst es nicht, weil du die ganze Zeit da bist. Erst wenn es Nacht ist, fällt dir auf, dass du nichts mehr siehst.
Ich war ehrlich zu mir selbst und unehrlich zugleich. Ich sah, dass es den Leuten half. Warum auch immer. Sie fühlten sich jedenfalls besser und sie wollten es glauben. Immerhin haben sie knapp 40 Euro dafür ausgegeben und niemand wollte sich die Blöße geben. Was ich dabei still ahnte, aber nach außen konsequent ignorierte, war die Möglichkeit, dass die Wirkung aus dem Kopf kam, nicht aus dem Hologramm. Ich habe den ein oder anderen Widerspruch schon gespürt, aber die Kasse war zu gut, als dass ich mir die Mühe machte, es in Worte zu fassen.
Denn die Kasse hat ihre eigene Logik. Wenn jeden Monat die Zahlen stimmen, wenn die Nachbestellungen kommen und neue Märkte aufgehen, dann hat das eine Überzeugungskraft, die stärker ist als jede wissenschaftliche Studie. Jeder wollte auf diesen Zug aufspringen und niemand hat Fragen gestellt oder nach Antworten gesucht. Nicht weil jeder dumm war, sondern weil der Erfolg dir jeden Tag sagt: Du machst das perfekt so. Und wer erhält schon jeden Tag so ein Feedback?
Ich rede hier nicht von krimineller Energie, sondern davon, was passiert, wenn Geld den Takt vorgibt. Ok, das ist fast überall der Fall, denn wir alle machen unseren Job. Wenn er sich auszahlt, lässt du die Fragen weg, die den Job gefährden könnten. Nicht weil du ein schlechter Mensch bist, sondern weil du ein vernünftig denkender Mensch bist. Die Frage, ob das jetzt eine neutrale Beobachtung oder bereits eine Entschuldigung ist, kann ich nicht beantworten. Wer hat sich für Erfolg jemals entschuldigt? Wer Erfolg hat, hat doch recht?
Ich sehe dasselbe Muster überall. In Unternehmen, die wissen, dass ihr Produkt nicht das hält, was es verspricht, aber die Quartalszahlen stimmen. In Beziehungen, in denen beide wissen, dass etwas nicht mehr stimmt, aber keiner fragt, weil die Antwort zu brutal und teuer wäre.
Das Muster ist immer gleich. Zuerst fragst du noch, dann fragst du seltener, und irgendwann hörst du ganz auf. Und dann verteidigst du das Ergebnis gegen jeden, der noch Fragen stellt.
Der letzte Schritt ist am gefährlichsten. Weil du ab dann nicht nur dich selbst täuschst, sondern aktiv dafür sorgst, dass andere es auch tun. Du wirst zum Verteidiger einer Position, die du nie bewusst eingenommen hast. Du bist einfach so reingerutscht.
Heute werde ich unruhig, wenn ich eine Zeitlang keine unbequemen Fragen mehr gestellt habe. Wenn alles glatt läuft und niemand widerspricht. Wenn die Zahlen stimmen und alle jubeln. Genau das war die Vorstufe damals. Genau so hat es angefangen.
Selbsttäuschung beginnt nicht mit einer Lüge. Sie beginnt mit einer Frage, die du nicht mehr stellst, und einem Widerspruch, den du nicht aussprichst. Als ich aufhörte zu fragen, fing die Selbsttäuschung an.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.