Hinter der Postkarte Balis
Ich habe die Insel gerochen, bevor ich sie gesehen habe. Staub. Abgase. Verbranntes Plastik. Dann Grün. Licht. Hitze. Deine Augen reichen nicht. Hier entscheidet die Haut.
Du kannst die Postkarte lieben. Reisterrassen. Tempel. Sonnenuntergang. Du kannst das Foto nach Hause tragen und glauben, du hättest es verstanden.
Aber wenn du hinter die Fassade gehst, findest du kein Geheimnis. Nur das, was immer schon da war. Schmutz. Lärm. Zärtlichkeit. Müdigkeit. Widersprüche, die nicht um Erlaubnis fragen.
Der Kern von Bali ist spirituell. Ehrlichkeit, Offenherzigkeit. Die Zeremonien sind für mich Fassade und nur für die Balinesen echt. Sie passieren ohne deinen Blick. Täglich. Stur. Unverhandelbar. Das ist das Gewicht der Insel.
Aber Spiritualität ist ein Magnet, der das Gegenteil anzieht. Die Insel lädt dich ein, ihre Fassade als Wahrheit anzunehmen. Sie öffnet dich in eine Kultur, die nicht deine ist, und verlässt dich wieder, wenn du den Abflug antrittst. Sie gibt dir nichts mit. Die Götter und Geister dort bleiben. Du besuchst sie, sie reden mit dir und lachen über dich, weil du sie nicht verstehst.
Die Menschen die hierherkommen suchen nicht sich selbst. Sie wollen mehr Selbst als vorhanden ist. Sie suchen etwas, das es nicht gibt. Wer sich selbst finden will, kann das zuhause tun. Dafür muss keiner der Klimaaktivisten ins Flugzeug steigen.
Die Balinesen lachen. Sie verkaufen. Sie beten. Sie gehen weiter. Manche schauen dich kurz an als wärst du Wind. Sie strotzen dem, was an ihre Küste gespült wird, und werden trotzdem langsam davon gefressen.
Bali hat mir die Illusion der Richtigkeit genommen. Dass es einen Ort gibt, der dich heilt. Dass eine Kultur, die älter ist als deine, dir etwas schuldet. Dass Schönheit bedeutet, dass es stimmt.
Bali redet nicht schön. Bali zeigt. Offen. Hässlich. Schön zugleich.
Wie lange noch hält die Kulisse des Betens. Wie lange hält das aufgesetzte Lächeln, das nicht dir gilt sondern Ausdruck sinnloser Unterwürfigkeit, die hoffentlich durchschaut wird.