Geschwindigkeit ist nicht Kreativität
Vor ein paar Wochen habe ich eine KI gebeten, zwanzig Varianten eines Buchcovers zu generieren. In vier Minuten hatte ich zwanzig Entwürfe. Alle technisch sauber. Alle irgendwie brauchbar. Keiner war gut.
KI wird gerne “Co-Creator” genannt. Sie generiert Inhalte, entwirft Kampagnen, entwickelt visuelle Konzepte. Alle sind begeistert von der Geschwindigkeit. Wo früher ein Designer Tage brauchte, liefert die KI in Minuten. Wo früher ein Texter drei Entwürfe schrieb, produziert die Maschine dreißig. Mehr Output in weniger Zeit. Das wird dann kreativ genannt.
Es ist nicht kreativ. Es ist schnell.
Geschwindigkeit und Kreativität verhalten sich nicht proportional. Meistens verhalten sie sich gegenläufig. Die besten Ideen, die ich in dreißig Jahren erlebt habe, kamen nicht schnell. Sie kamen nach einer Phase, in der nichts funktionierte. Nach dem dritten verworfenen Ansatz. Nach dem Gespräch, in dem jemand sagte: Das trifft es nicht. Was meinst du eigentlich?
Der Moment, in dem eine Idee entsteht, fühlt sich schnell an. Aber vor diesem Moment liegen Stunden, Tage, manchmal Wochen, in denen nichts passiert. In denen du nicht weißt, was du suchst. In denen du das Problem erst verstehen musst, bevor du eine Lösung haben kannst. Dieser Vorlauf ist keine Verschwendung. Er ist der Prozess.
Ein Algorithmus hat diesen Vorlauf nicht. Er hat keinen Moment, in dem er nicht weiß, was er sucht. Er sucht nicht. Er berechnet. Er nimmt das, was existiert, und ordnet es neu an. Schnell, ja. Variationsreich, ja. Aber der Unterschied zwischen Variation und Kreativität ist der Unterschied zwischen einer Permutation und einem Gedanken.
Eine Permutation ordnet Bestehendes in neuer Reihenfolge. Ein Gedanke bringt etwas hervor, das vorher nicht da war. Das klingt abstrakt, aber es ist sehr konkret. Wenn ein Musiker eine Melodie schreibt, die dich trifft, dann nicht, weil die Noten neu sind. Die Noten gibt es alle schon. Sondern weil er etwas gehört hat, das er vorher nicht artikulieren konnte, und jetzt kann er es. Dieses Hören entsteht nicht durch Geschwindigkeit. Es entsteht durch Aufmerksamkeit. Durch Zeit mit dem Material. Durch Scheitern.
Die zwanzig Cover, die mir die KI geliefert hat, hatten ein gemeinsames Problem. Sie sahen alle aus wie Cover, die schon existieren. Das ist logisch. Die KI wurde mit existierenden Covern trainiert. Sie weiß, wie ein Cover aussieht. Sie weiß nicht, wie ein Cover aussehen könnte, das noch niemand gemacht hat. Dafür müsste sie etwas wollen. Etwas vermissen. Etwas als unzureichend empfinden.
Wenn KI als “Co-Creator” gefeiert wird, passiert etwas Ähnliches wie mit dem Wort Augmentation. Ein Wort, das etwas Bestimmtes bedeutet, wird ausgedehnt, bis es auf alles passt. Wenn jeder Output Kreativität ist, dann wird das Wort beliebig. Dann ist der Spam-Filter kreativ. Dann ist die Autokorrektur kreativ. Dann ist jede Rechenoperation, die einen neuen Output erzeugt, ein kreativer Akt.
Was verloren geht, ist nicht das Wort. Was verloren geht, ist das Verständnis dafür, was der Prozess kostet. Kreativität kostet Zeit, Frustration, Unsicherheit. Sie kostet Entwürfe, die im Papierkorb landen. Sie kostet den Mut, etwas wegzuwerfen, das funktioniert, weil es nicht gut genug ist.
Wenn Geschwindigkeit Kreativität ist, dann ist Langsamkeit ein Defekt. Dann ist der Mensch, der drei Wochen an einer Idee sitzt, ineffizient. Dann ist der Prozess, der keine Garantie für ein Ergebnis hat, ein Risiko, das man durch einen Algorithmus ersetzen sollte.
Ich benutze KI für Dinge, bei denen Geschwindigkeit zählt. Erste Entwürfe. Recherche. Strukturen, die ich dann verändere. Das ist nützlich. Aber ich verwechsle es nicht mit dem Moment, in dem etwas entsteht, das vorher nicht da war. Dieser Moment braucht etwas, das kein Algorithmus hat: die Bereitschaft, langsam zu sein.