Chile fragt dich nicht
Eine Reise nach Chile ist immer unerwartet und sie endet nie wie du denkst. Erwartungen an eine Reise kann man sich gleich abschminken. Die funktionieren dort nicht.
Wenn es den Begriff der Schönheit als weltumfassenden Standard gibt, dann ist Chile der Ort, der den Begriff der Schönheit leer zurücklässt. Überwältigend schön und brutal fordernd für die Wahrnehmung. Schönheit nicht als schön, sondern als Kontrast von Dingen, die nie zueinander finden können. Farben, Formen, Wetter, Natur, Bewegung, Politik, Gesellschaft. Nichts ist eine vollendete Form. Alles hat eckige Kanten und nichts ist rund.
Chile benutzt Schönheit als Fassade für das Rohe. Ich stehe an der Küste und nach einer Weile sind meine Gedanken weggespült. Keine weiteren Fragen mehr. Alle unbeantwortet. Chile lässt dich blank dastehen. Ohne Hülle und ohne Kern. Du kannst schauen, wo du bleibst. Und wenn was bleibt, dann ist es die rohe Wildnis, die dieses Land in allen Facetten versprüht.
Chile bahnt sich seinen Weg durch die Stürme, die Erdbeben und Tsunamis. Die Anden ziehen sich von Norden bis Süden über tausende Kilometer durchs Land. Sie haben den Anschein, sie sind Narben. Narben sind stärker als das, was vorher da war. Das ist Chile. Chile steht für Zerstörung, die stärker macht. Frieden, wie wir ihn verstehen, existiert dort nicht. Die Menschen haben auch keine Erwartung an Frieden. Sie wollen nur keinen weiteren Kampf als den, mit dem sie morgens ohnehin schon aufwachen.
Ich habe mein Leben lang auch innere Kämpfe ausgetragen. Gegen alles und jeden in mir. Chile macht keinen Unterschied zwischen inneren und äußeren Kämpfen. Niemand im Land kämpft nur gegen sich selbst, aber jede innere Schlacht besitzt eine äußere Ästhetik, die man den Menschen ansieht.
Der überwältigende Anblick der Kordillere macht jeden Gedanken auf einen Kampf obsolet. Kein Kampf würde hier Frieden schaffen. Hier ist die Abwesenheit von Kampf Friede genug. Man steht einem chaotischen Bergzug gegenüber, der erklommen werden will, aber nicht überwunden werden kann. Die strahlende Schönheit ist gleichzeitig Grenze für das Menschliche. Man sieht das Ende in allen Dimensionen. Das Meer im Westen, die Kordillere im Osten, dazwischen ein schmaler bewohnbarer Landstrich. Im Norden die trockenste Wüste der Welt und im Süden ewiges Eis. Wer hier weiter will, ist direkt verloren. Stillstand ist auch keine Option. Und das ist tief im Bewusstsein der Chilenen verankert. Wer sich darauf einlässt, spürt das. Ich habe Familie dort. Ich durfte es als Realität, die mich als süddeutschen Alpenländer vollkommen überforderte, spüren.
Als ich das letzte Mal im europäischen Sommer dort war, hatte ich erwartet, dass bei mir etwas passiert. Innerlich. Aber es passierte nichts. Chile interessiert sich nicht für das, was du mitbringst. Es lässt dich damit alleine. Was aber nicht heißt, es lässt dich in Ruhe. Chile will dir nichts beweisen, aber Ruhe ist es auch nicht. Es will dich einfach gar nicht. Es lässt dich in Ruhe, wenn du dich anpassen kannst. Und wehe, wenn nicht.
Ich konnte mich teilweise anpassen. Ich fand nie Stille. Die Menschen sind ruhig, aber nie still. Deren Stille ist ein Kampf ohne Stille. Es ist Achtsamkeit ohne Spiritualität. Das nächste Erdbeben ist nur eine Frage der Zeit.
Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, warum mich Chile so anzieht. Wir reisen ans Ende der Welt und suchen Frieden. Wir lesen Bücher und buchen Retreats und nehmen uns Auszeiten. Den Moment, in dem es still wird. In dem alles passt. Aber Chile ist nicht für dich da, damit es passt. Chile hat mir auch keine Antwort gegeben. Chile hat mich ohne meine Fragen zurückgeschickt. Und dafür bin ich dankbarer als für jede Antwort.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.