Perfektion verkaufen und im selben Atemzug davor warnen
KI-Influencer sind immer perfekt. Sie haben keine schlechten Tage, keinen Haarausfall, keine Augenringe. Sie zeigen ein Leben, das nie stattfindet, in einer Qualität, die nie schwankt. Das ist ihr Verkaufsargument.
Drei Absätze später, in jedem zweiten Branchentext: Perfekte KI-Influencer können geringes Selbstwertgefühl bei den Followern fördern.
Ich lese das zweimal. Nicht weil ich es nicht verstehe. Sondern weil ich sehen will, ob die Leute, die es schreiben, merken, was sie gerade getan haben.
Sie haben den Vorteil beschrieben und den Schaden. In derselben Passage. Als wären es zwei verschiedene Themen. Der Vorteil steht im Haupttext. Der Schaden steht in einer Randbemerkung. Der Vorteil wird erklärt, ausgebaut, mit Beispielen belegt. Der Schaden wird erwähnt und dann geht es weiter.
Das ist die Struktur der gesamten Diskussion über KI im Marketing, aber hier ist sie besonders sichtbar. Es gibt eine Haupterzählung: KI ist gut fürs Geschäft. Und es gibt Fussnoten, die sagen: Es gibt Probleme. Die Fussnoten stören die Haupterzählung nicht. Sie existieren nebeneinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun.
Aber sie haben alles miteinander zu tun. Die Perfektion, die den Vorteil bringt, ist dieselbe Perfektion, die den Schaden anrichtet. Du kannst nicht beides haben. Du kannst nicht sagen: Perfekte KI-Influencer sind großartig fürs Marketing, und ach ja, sie zerstören nebenbei das Selbstwertgefühl ihrer Follower.
Doch genau das passiert.
Ich kenne das Muster aus Produktbroschüren. Der Haupttext verkauft. Das Kleingedruckte warnt. Nebenwirkungen können auftreten. Nicht für jeden geeignet. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt. Die Warnung existiert nicht, damit der Leser informiert wird. Sie existiert, damit der Absender geschützt ist.
So liest sich die gesamte Diskussion. Die Warnung vor geringem Selbstwertgefühl steht da, damit niemand sagen kann, das Problem sei ignoriert worden. Aber die Warnung ändert nichts an der Empfehlung. KI-Influencer werden als Innovation beschrieben, als Chance, als nächster Schritt. Die Warnung ist eine Absicherung, keine Korrektur.
Was mich beschäftigt, ist nicht der Widerspruch an sich. Widersprüche gibt es überall. Was mich beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der er stehenbleibt. Die Branche scheint kein Problem damit zu haben, im selben Atemzug zu werben und zu warnen. Als wäre das normal. Als gehörte das dazu.
Vielleicht gehört es dazu. In einer Branche, die Menschen als Zielgruppen bezeichnet und Beeinflussung als Engagement. In einer Branche, die seit Jahrzehnten Produkte verkauft, von denen sie weiß, dass sie Schaden anrichten, solange der Gewinn den Schaden übersteigt. In dieser Branche ist ein Widerspruch zwischen Nutzen und Nebenwirkung kein Fehler. Er ist der Normalzustand.
Aber es geht hier nicht um ein Medikament mit Nebenwirkungen. Es geht um das Selbstwertgefühl von Menschen, die einem generierten Bild folgen, das nie existiert hat. Das ist kein Nebeneffekt. Das ist der Effekt. Wenn du jemandem jeden Tag ein Bild zeigst, das perfekter ist als alles, was er je sein wird, und dieses Bild nicht einmal echt ist, dann ist geringes Selbstwertgefühl nicht die Nebenwirkung. Es ist das, was passiert.
Die Leute, die das bauen, wissen das. Sie haben es aufgeschrieben. Und dann haben sie weitergeschrieben, als hätten sie es nicht aufgeschrieben.
Das ist das Bemerkenswerteste an dieser Diskussion. Nicht die Information. Die steht da. Sondern die Fähigkeit, eine Erkenntnis zu haben und sie gleichzeitig zu ignorieren. Das Wissen ist da. Die Konsequenz fehlt. Alle Fakten liegen vor. Es werden nur keine Schlüsse daraus gezogen.
Weil die Schlüsse unbequem wären. Weil der Schluss lauten würde: Perfekte KI-Influencer sollte man vielleicht nicht bauen. Und das steht nicht im Geschäftsplan.