Was ist die richtige ethische Fragestellung?

In der KI-Branche taucht immer wieder eine Frage auf: Was ist die richtige ethische Fragestellung? Ich bin bei dieser Frage stehen geblieben.

Nicht wegen der Antwort. Die Antwort, wenn sie kommt, ist so vage, wie man es erwarten würde. Sondern wegen der Frage selbst. Es wird nicht gefragt: Wie lösen wir das ethische Problem? Es wird gefragt: Was ist das Problem überhaupt?

Nach Jahren der Entwicklung. Nach unzähligen Texten über KI im Marketing, KI in der Kommunikation, KI in der Kundenbindung. Nach all den Beispielen und Best Practices. Am Ende wird gefragt: Was genau ist eigentlich die ethische Frage, die wir stellen sollten?

Es ist der ehrlichste Moment in der ganzen Diskussion. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Leute, die die Frage stellen, das merken.

Ehrlich, weil es zeigt, dass die ganze Technologie ohne eine geklärte ethische Grundlage entwickelt wurde. Erst wurde gebaut. Dann wurde verkauft. Und irgendwann, am Ende, fragt jemand: War das in Ordnung? Nicht als Antwort. Als Frage.

Ich kenne das aus Unternehmen. Die Ethikdiskussion kommt, wenn das Produkt fertig ist. Wenn die Investoren an Bord sind, die Roadmap steht, die ersten Kunden da sind. Dann wird ein Workshop einberufen, in dem kluge Leute an einem Tisch sitzen und fragen: Was sind eigentlich die ethischen Implikationen? Die Frage ist ernst gemeint. Aber sie kommt zu spät.

Die Branche macht dasselbe. Jahrelang wird beschrieben, was möglich ist, was profitabel ist, was funktioniert. Und dann, fast am Ende, kommt die Frage: Sollten wir?

Die Reihenfolge ist entscheidend. Wenn du erst baust und dann fragst, ob du bauen solltest, ist die Frage keine echte Frage mehr. Sie ist eine Reflexionsübung. Das Produkt existiert. Die Frage ändert daran nichts.

Was mich an dieser Frage beschäftigt, ist ihre Offenheit. Es wird nicht behauptet, die Antwort zu kennen. Es wird nicht einmal behauptet, die Frage zu kennen. Es wird nach der richtigen Fragestellung gesucht. Das ist ungewöhnlich in einer Branche, die ansonsten vor Gewissheiten strotzt. KI wird das Marketing transformieren. KI wird die Kundenbindung revolutionieren. KI wird die Effizienz steigern. Alles wird. Alles ist sicher. Nur bei der Ethik wird es plötzlich unsicher.

Das sagt etwas. Es sagt, dass die Branche bei der Technik Expertise hat und bei der Ethik nicht. Es sagt, dass man weiß, wie man KI baut, aber nicht, ob man sie bauen sollte. Und statt das als Problem zu benennen, wird es als offene Frage benannt. Als ob es normal wäre, eine Technologie zu entwickeln, ohne zu wissen, ob die ethischen Fragen überhaupt formuliert sind.

Vielleicht ist es normal. Vielleicht ist das genau so, wie Technologie entsteht. Zuerst die Möglichkeit. Dann die Anwendung. Dann der Markt. Und irgendwann, wenn genug Schaden entstanden ist, die Regulierung. Die Ethik kommt nicht am Anfang. Sie kommt am Ende, wenn es zu spät ist, und sie wird formuliert als Frage, nicht als Antwort.

Die Frage ist ein Eingeständnis. Kein absichtliches. Aber ein ehrliches. Sie sagt: Wir wissen nicht, was die richtige Frage ist. Und wenn du die Frage nicht kennst, kannst du keine Antwort haben. Und wenn du keine Antwort hast, baust du ohne ethische Grundlage.

Das ist, was in den letzten Jahren passiert ist. Es wurde gebaut. Ohne Grundlage. Und am Ende steht eine Frage, die fragt, was die Grundlage hätte sein sollen.

Die Frage wird nicht beantwortet. Es werden Überlegungen gelistet. Es werden Ansätze formuliert. Es wird auf Regulierung und Transparenz verwiesen. Aber eine klare Antwort gibt es nicht.

Das ist, auf eine seltsame Art, das Wertvollste in der ganzen Diskussion. Nicht die Gewissheiten. Die eine Stelle, an der zugegeben wird, dass es keine gibt.