Was ist die richtige ethische Fragestellung?
In der Tech-Branche und vor allem nun im Kontext mit KI taucht immer wieder Ethik als Instanz auf und die Diskussionen gehen momentan in die Richtung: Was ist eigentlich die richtige ethische Fragestellung? Aber irgendwas triggert mich an dieser Thematik über die eigentliche Frage hinaus.
Nicht so sehr wegen der Antwort an sich, weil die Antwort so vage bleiben wird, wie wir es bei Ethik-Fragen gewohnt sind. Ich glaube, die Lösung liegt nicht an der Beantwortung dieser einen Frage, sondern an der allgemeinen Fragestellung. Von der Frage “Wie lösen wir das ethische Problem?” hin zu “Was ist das Problem überhaupt?”.
Nach Jahren der extrem schnellen Entwicklungsschritte im Tech-Bereich, den damit verbundenen Veränderung im Marketing und der Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunde hinkt die Frage nach den ethischen Grenzen vielleicht so sehr hinterher, dass wir den Faden verloren haben. Heute muss die eigentliche Frage lauten: Was genau ist eigentlich die ethische Frage, die wir stellen sollten?
Das wäre der aktuell ehrlichste Ansatz in der ganzen Diskussion. Aber ich bin mir nicht sicher, wann nach den KI-Entwicklungssprüngen und den damit verbundenen ethischen Risiken, die wahrscheinlich nur wenige überblicken können, der richtige Zeitpunkt ist. Eins ist klar, verschlafen dürfen wir das nicht. Für viele blinkt die rote Lampe schon lichterloh. Immer wieder ist von massiven Verstößen die Rede, wie bei Grok, dem KI-Chatbot, der überhaupt keinen Anstand kennt.
Ganze Technologien wurden ohne eine geklärte ethische Grundlage entwickelt. Erst wurde entwickelt, dann gelauncht, dann kamen Probleme und dann die Ausreden aber keine Lösung. Die versucht man in Gerichtssälen zu erzwingen, wo Mark Zuckerberg augenscheinlich immer häufiger auftaucht. Wenn es zu spät war und unseren Kindern schon Inhalte vorgelegt wurden, die nicht mal wir Erwachsenen sehen wollen, diskutieren die Gerichte mit den Plattformbetreibern die Frage, ob das in Ordnung war.
Ich habe das auch in vielen kleineren Unternehmen gesehen. Die Ethikdiskussion kommt, wenn alles fertig ist und die Investoren sich schon die Hände reiben. Erst wenn es einen triftigen Grund gibt, wird ein Workshop einberufen, in dem kluge Leute an einem Tisch sitzen und fragen: Was sind eigentlich die ethischen Implikationen? Die Frage ist bestimmt ernst gemeint. Aber sie kommt zu spät und meist erst auf äußeren Druck.
Viele Branchen machen das genau so. Jahrelang wird konzipiert, was möglich ist, was profitabel ist, was funktioniert. Dann wird implementiert, angepasst, verbessert und dann, viel zu spät, kommt der Kommentar: Das Thema Ethik haben wir nicht vergessen, das machen wir jetzt.
Was mich daran so sehr stört, ist die rechtliche Freiheit, die die meisten Unternehmen dabei genießen. Diese Vorgehensweise ist mittlerweile Standard. Es wird nicht einmal mehr das Gegenteil behauptet. Es wird mit Marktdruck argumentiert und mit der einfachsten Antwort überhaupt: die anderen machen es auch so. Erst wenn alles fertig ist, wird nach der richtigen Fragestellung gesucht. Das ist jetzt nicht ungewöhnlich in einer Branche, die ansonsten vor Gewissheiten strotzt. KI wird das Marketing transformieren. KI wird die Kundenbindung revolutionieren. KI wird die Effizienz steigern. Alles wird. Alles ist sicher. Nur bei der Ethik wird es plötzlich unsicher. Und es geht nicht nur um Kinder sondern auch um viele weitere Gruppen in unserer Gesellschaft, die entweder geschützt werden müssen oder mit vielen Informationen einfach nicht umgehen können. Ich will jetzt nicht auf konkrete Beispiele eingehen, denn das würde vom Prinzip zu sehr ablenken.
Wir lernen hier, dass die Branche bei der Technik Expertise hat und bei der Ethik nicht. Es sagt also, dass man weiß, wie man KI baut und implementiert, aber nicht, ob man sie bauen bzw. implementieren sollte. Aber es wird nicht als Problem benannt, sondern als offene Frage. Als ob es normal wäre, eine Technologie zu entwickeln, ohne zu wissen, ob die ethischen Fragen überhaupt formuliert sind.
Vielleicht ist es mittlerweile normal. Vielleicht ist das genau so, wie Technologie entsteht. Zuerst die Möglichkeit. Dann die Anwendung. Dann der Markt. Und irgendwann, wenn genug Schaden entstanden ist, die Regulierung. Die Ethik kommt nicht am Anfang. Sie kommt ganz am Ende, wenn es oft zu spät ist, und dann wird sie auch noch als Frage gestellt. Nicht als Antwort, weil es die Frage nie gab.
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