Die Sprache der Selbstabschaffung
“Marketing ohne Kompromisse. KI übernimmt das Kampagnenmanagement.” Der Mensch gibt noch den “Feinschliff”. Ich habe den Satz zweimal gelesen, weil ich sichergehen wollte, dass ich ihn richtig verstehe.
Zehn Seiten vorher hiess es: KI ist Unterstützung, nicht Ersatz. Der Mensch bleibt im Zentrum. Die Maschine assistiert. Alles gut. Standard. Das übliche Versprechen.
Und dann übernimmt die Maschine das Kampagnenmanagement. Der Mensch gibt Feinschliff. Feinschliff. Das ist das Wort, das Menschen für die letzte Korrektur benutzen, bevor etwas rausgeht. Es ist das Wort für den Teil, den man auch weglassen könnte.
Die KI-Branche bemerkt den Widerspruch nicht. Oder sie bemerkt ihn und hält ihn für keinen. Beides ist aufschlussreich.
Sprache verrät, was Argumente verbergen. Die KI-Literatur ist voll davon. Am Anfang sind es Wörter wie “unterstützen”, “ergänzen”, “assistieren”. Der Mensch handelt, die Maschine hilft. Dann verschiebt sich das Vokabular. Die KI “übernimmt”. Sie “steuert”. Sie “managt”. Der Mensch “gibt Impulse”. Er “verfeinert”. Er “kuratiert”.
Diese Verschiebung passiert nicht in einem Satz. Sie passiert schleichend. Langsam genug, dass du sie nicht merkst, wenn du nicht darauf achtest. Aber wenn du die Verben nebeneinander legst, erzählen sie eine andere Geschichte als der Text behauptet.
Erst unterstützt KI den Vertrieb. Dann übernimmt sie die Kundenkommunikation. Dann steuert sie die Personalplanung. Dann managt sie die Kampagnen. Die Richtung ist eindeutig. Der Mensch wird Stück für Stück an den Rand geschoben. Aber das Wort “ersetzen” fällt nie.
Das ist keine Schlamperei. Das ist Technik. Es gibt Wörter, die man in einem Business-Kontext nicht benutzen kann, weil sie Angst auslösen. “Ersetzen” ist so ein Wort. Also benutzt man andere. Übernehmen. Steuern. Automatisieren. Optimieren. Jedes dieser Wörter beschreibt denselben Vorgang, ohne ihn beim Namen zu nennen.
Ich habe jahrelang mit Sprache gearbeitet, in Beratungen, in Strategiepapieren, in Verhandlungen. Ich kenne den Trick. Man sagt nicht: Wir entlassen Leute. Man sagt: Wir optimieren die Teamstruktur. Man sagt nicht: Das Produkt hat ein Problem. Man sagt: Wir haben Verbesserungspotenzial identifiziert. Die Realität bleibt dieselbe. Das Gefühl ändert sich.
Was hier beschrieben wird, ist die Selbstabschaffung des Menschen in der Wertschöpfungskette. Schritt für Schritt. In höflicher Sprache. Mit positiven Verben. Niemand wird ersetzt. Alle werden “entlastet”. Niemand verliert seine Aufgabe. Alle bekommen “strategischere Rollen”. Was eine strategischere Rolle ist, wenn die Maschine die Strategie steuert, wird nicht erklärt.
Am Ende steht der Mensch noch im Text. Er gibt Feinschliff. Er kuratiert. Er setzt Impulse. Aber wenn du die Verben zusammenzählst, die ihm gehören, bleiben drei oder vier übrig. Der Rest gehört der Maschine.
Die Sprache sagt: Partnerschaft. Die Grammatik sagt: Der Mensch ist zum Nebensatz geworden.
Wenn du wissen willst, was ein Text wirklich denkt, lies nicht die Thesen. Lies die Verben. Schau, wer in den Sätzen handelt und wer beschrieben wird. Schau, wer Subjekt ist und wer Objekt. Die Überzeugung steckt nicht in den Argumenten. Sie steckt in der Grammatik.
“Marketing ohne Kompromisse. KI übernimmt das Kampagnenmanagement.” Es steht da, offen, in einem Satz. Die Branche hält ihn für ein Versprechen. Ich halte ihn für ein Geständnis.