Die Zukunft widerspricht der Gegenwart

Die KI-Debatte hat zwei Hälften und die Leute, die sie führen, sehen das wahrscheinlich anders. Aber wenn du die Argumente nebeneinander legst, erzählen sie eben zwei verschiedene Geschichten.

Die erste Hälfte handelt von der Partnerschaft zwischen Mensch und KI. Die KI unterstützt, indem sie nervige Routinearbeit abnimmt, und liefert die Daten, die der Mensch dann interpretiert. Die Geschichte lautet: die KI liefert, der Mensch entscheidet dann (meistens noch).

Die zweite Hälfte klingt anders. Hier nämlich fängt die KI an, eigenständiger zu handeln. Sie entwickelt Strategien und entscheidet über Kundenangebote. Der Mensch gibt dann noch “Impulse”, er “begleitet” und “verfeinert”. An der Wortwahl merkt man, was passiert ist. In der ersten Hälfte handelt der Mensch als Akteur, in der zweiten reagiert er nur noch.

Das Ganze ist ein übergangsloses, unsichtbares Gleiten von “KI assistiert” zu “KI übernimmt”. So langsam, dass du es gar nicht merkst, selbst wenn du darauf achten würdest.

Ich glaube, die meisten haben es auch nicht gemerkt, weil der Übergang kaum einer ist, weil sich die Produktivität nach aussen einfach nur kontinuierlich verbessert. KI-Implementierungen funktionieren in der Praxis genau so schleichend. Erst ein Pilotprojekt, dann werden die ganzen kleinen Aufgaben übergeben. Es werden klare Grenzen gezogen und menschlich kontrolliert. Die Aufgaben werden dann immer mehr, die Grenzen weniger und die Kontrolle ist an vielen Stellen nicht mehr nötig, denn das Vertrauen ist jetzt da. Irgendwann macht es die Maschine komplett und niemand fragt mehr danach, weil man hat Wichtigeres zu tun als Dinge die schon ausgelagert sind.

Das ist kein neues Muster. Es ist bei jeder Technologie, die sich durchsetzen muss, gleich. Es beginnt mit dem Versprechen der Effizienzsteigerung bei voller Kontrolle über den Output, wie auch immer das geartet ist. Denn die Maschine sollte nur ein Werkzeug sein. Je besser sie die Arbeit macht, umso stärker verbessern sich die Ergebnisse und der ganze Prozess wird auch noch günstiger und die Frage, warum es noch ein Mensch machen soll, stellt sich nicht mehr. Die Maschine übernimmt und es ist einfach so. Der Mensch ist ersetzt.

Was mich an der Debatte stört, ist nicht, dass sie diese Entwicklung beschreibt. Mich stört, dass sie es so selbstverständlich tut. Am Anfang die Zusicherung, dass der Mensch im Zentrum bleibt. Am Ende die Selbstverständlichkeit, dass er es nicht mehr ist. Beides von denselben Leuten, ohne dass sie den Widerspruch auch nur im Ansatz thematisieren.

Der Grund dafür ist, dass die Debatte beides gleichzeitig sein will. Sie will beruhigen und begeistern, sagen dass alles bleibt wie es ist und gleichzeitig dass alles anders wird. Sie will den Manager ansprechen, der Angst hat seine Leute zu verlieren und den Manager, der davon träumt seine Kosten zu senken. Und weil sie beides will, sagt sie beides, ohne zu bemerken dass es nicht zusammengeht.

Je nachdem, an welche der Hälften du geglaubt hast, aber der Anfang soll wirken wie ein Beruhigungsmittel und das Ende ist die neue Realität als einzige logische Entwicklung, die jeder mitgetragen hat.

Ich bevorzuge die ehrlichere der beiden Versionen. Und die lautet: man kann es nicht vorhersagen und man tut gut daran, das auch offen so zu formulieren. Stärke ist, die Optionen der möglichen Ergebnisse und deren Konsequenzen klar zu beschreiben und Alternativen für die Menschen zu entwickeln. Eine Diskussion, die alles zu Ende denkt, hilft allen. Momentan werden diejenigen, die eine ehrliche Antwort erwarten, mit zwei Geschichten abgespeist, die nicht zueinander passen und diejenigen, die das merken, werden mehr.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.