Wer kauft so etwas?

Die Frage kommt immer. In jedem Gespräch über diese Zeit. Sie kommt mit leichtem Lächeln oder offenem Unglauben: Wer kauft so etwas?

Die Antwort ist weniger lustig als die Frage.

Sportler kauften es. Profis, die jeden Tag trainieren, deren Körper die einzige Währung ist und die für jedes Prozent mehr Stabilität alles versuchen. Sie haben das Armband getragen und gesagt: Ich spüre es. Und sie haben es gespürt. Ob das aus dem Silikon kam oder aus ihrem Kopf, war ihnen egal. Die Leistung zählte.

Manager kauften es. Menschen, die sechzehn Stunden am Tag funktionieren und abends so ausgelaugt sind, dass sie für jede Hilfe offen sind. Ein Armband, das verspricht, die Balance zu verbessern? Warum nicht. Es kostet weniger als eine Stunde Coaching. Und wenn es auch nur ein Prozent hilft, hat es sich gelohnt.

Hausfrauen kauften es. Mütter, die morgens um sechs aufstehen und abends um elf ins Bett fallen und dazwischen alles am Laufen halten. Sie hatten keine Zeit für Yoga und keine Energie für Fitness. Ein Armband, das man tragen kann, ohne etwas tun zu müssen? Perfekt.

Und dann die Menschen, bei denen es ernst wurde. Menschen mit chronischen Schmerzen. Mit Krankheiten, bei denen die Schulmedizin keine Lösung hatte. Sie kauften nicht aus Leichtgläubigkeit. Sie kauften aus Hoffnung. Weil sie alles versucht hatten und dieses kleine Ding am Handgelenk vielleicht, vielleicht, das Letzte war, das noch helfen könnte.

Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass es funktioniert. Wirklich funktioniert. Dass die Wirkung aus dem Produkt kommt und nicht nur aus dem Glauben. Weil ich die Gesichter dieser Menschen sah. Weil ich ihre Geschichten hörte. Weil ich nicht derjenige sein wollte, der ihnen etwas verkauft, das nicht hält.

Das Feedback war phänomenal. Tausende sagten: Es hilft. Es wirkt. Ich fühle mich besser. Rein wissenschaftlich gab es keine Beweise. Aber rein menschlich gab es Berge davon.

Wer sind diese Leute? Die Frage hat einen Unterton, der mich stört. Als wäre Leichtgläubigkeit eine Charakterschwäche. Als müsste man schon ein bisschen dumm sein, um so etwas zu kaufen.

Ist eine ganze Bevölkerung schwach? Braucht jeder mehr Energie? Fühlen sich alle so? Die Antwort ist unbequem, weil sie einfach ist: Ja. Die meisten Menschen sind müde. Die meisten sind überfordert. Die meisten haben zu wenig von dem, was sie brauchen, und zu viel von dem, was sie nicht brauchen. Und wenn jemand kommt und sagt, hier, das hilft, dann ist die Hürde niedrig. Nicht weil die Menschen dumm sind. Sondern weil sie erschöpft sind.

Erschöpfte Menschen treffen andere Entscheidungen als ausgeruhte. Das ist keine moralische Schwäche, das ist Biologie. Wer müde ist, greift nach dem, was einfach ist. Wer überfordert ist, hört auf zu prüfen. Wer seit Monaten Schmerzen hat, kauft alles, was Linderung verspricht. Das ist keine Dummheit. Das ist Menschsein unter Druck.

Placebo wirkt. Das ist ein wissenschaftlicher Fakt. Menschen fühlen weniger Schmerzen, wenn sie glauben, ein Medikament genommen zu haben. Sie laufen besser, wenn sie glauben, professionelle Schuhe zu tragen. Sie fühlen sich stärker, wenn sie glauben, ein Hilfsmittel zu haben. Der Glaube verändert die Wahrnehmung. Die Wahrnehmung verändert das Erlebnis. Das Erlebnis ist real.

Die Käufer waren nicht die Schwachstelle. Sie waren der Beweis dafür, wie gross der Hunger ist. Nach einer einfachen Lösung. Nach etwas, das man tragen kann und das hilft. Nach etwas, das nicht kompliziert ist, nicht teuer, nicht anstrengend.

Ich habe das bedient. Ich habe den Hunger gesehen und ich habe ihn gefüttert. Und ich sage nicht, dass das in Ordnung war. Ich sage nur, dass die Frage “Wer kauft so etwas?” die falsche Frage ist. Die richtige Frage wäre: Warum sind so viele Menschen so müde, dass ein Silikonarmband wie eine Rettung aussieht?

Darauf habe ich keine Antwort. Aber die Frage lässt mich nicht los.