Die Frage hinter der Frage
Jemand sagt: Ich stecke fest.
Das ist ein Satz, den ich oft höre. Was dahinter liegt, ist jedes Mal anders. Manchmal ist es ein Job, der seit Jahren nicht mehr passt. Manchmal eine Kündigung, die gerade passiert ist. Manchmal das Gefühl, dass alles funktioniert und trotzdem etwas fehlt. Was alle gemeinsam haben: Sie wissen, dass sich etwas ändern muss. Sie wissen nur nicht, was.
Die übliche Antwort darauf ist Beratung. Stärkenanalyse, Persönlichkeitstest, Coaching. Jemand fragt: Was kannst du? Was willst du? Was ist dir wichtig? Dann gibt es Ratschläge. Oder einen Plan.
Das funktioniert oft nicht. Nicht weil die Werkzeuge schlecht wären. Sondern weil sie eine Frage überspringen, die zuerst kommen müsste.
Wenn jemand sagt “Ich brauche mehr Freiheit”, ist das keine Aussage. Das ist eine Tür. Dahinter kann finanzielle Unabhängigkeit liegen. Oder zeitliche Selbstbestimmung. Oder die Abwesenheit eines bestimmten Chefs. Oder inhaltliche Kontrolle über die eigene Arbeit. Alles verschiedene Dinge, die zu verschiedenen Entscheidungen führen. Aber die meisten Gespräche über berufliche Veränderung nehmen solche Wörter für bare Münze und sind beim nächsten Schritt, bevor geklärt ist, was der Mensch eigentlich meint.
Was meinst du, wenn du “Erfolg” sagst? Ist das dein Erfolg, oder der, den du gelernt hast zu wollen? Was meinst du, wenn du sagst, du willst “etwas Sinnvolles” machen?
Das klingt wie eine philosophische Übung. Es ist keine. Es ist die praktischste Frage, die man stellen kann. Weil die Antwort bestimmt, in welche Richtung jemand geht.
Ich bin selbst durch einen solchen Prozess gegangen. Bei einer Psychologin, die seit Jahrzehnten mit Biografie arbeitet. Die Erfahrung hat verändert, wie ich über berufliche Entscheidungen denke. Nicht weil der Prozess mir eine Antwort gegeben hätte. Sondern weil er mir gezeigt hat, dass ich die Antwort längst hatte. Ich hatte nur die falschen Wörter dafür benutzt.
Das System, das ich seitdem adaptiert habe, basiert auf einer Annahme, die kontraintuitiv klingt: Der zuverlässigste Indikator für deine Zukunft ist deine Vergangenheit.
Nicht deine Wünsche. Nicht deine Vorstellungen davon, wer du sein könntest. Sondern das, was tatsächlich passiert ist. Was dich zufrieden gemacht hat, wird dich wieder zufrieden machen. Was dich frustriert hat, wird dich wieder frustrieren. Die meisten Menschen, die über Veränderung nachdenken, schauen nach vorne. Sie entwerfen eine Zukunft auf der Basis von Hoffnungen. Der Blick zurück wäre verlässlicher. Biografie lügt nicht.
Der Prozess arbeitet mit Geschichten. Jemand erzählt sechs Schlüsselmomente aus seinem Leben, und im Gespräch wird sichtbar, was sich wiederholt. Was jemand erzählt, ist wichtig. Was jemand nicht erzählt, oft wichtiger. Die Muster, die auftauchen, sind zuverlässiger als jede Selbsteinschätzung. Weil sie nicht auf dem basieren, was jemand von sich glaubt, sondern auf dem, was er getan hat.
Sieben Dimensionen bilden den Rahmen. Was jemand kann. Wie seine Geschichte verlaufen ist. Mit welchen Menschen er arbeiten will. Was ihn zufrieden macht. Unter welchen Bedingungen er funktioniert. Was ihm wirklich wichtig ist. Und wohin das alles konkret führt. Jede Dimension ist eine eigene Frage, und jede Frage hat eine Frage hinter sich. “Ich will mit klugen Leuten arbeiten” heisst nicht dasselbe wie “Ich kann nicht mit Leuten arbeiten, die nur ausführen”. Obwohl beides aus demselben Mund kommen kann.
Das Ergebnis ist kein Rat und kein Plan. Es ist ein Profil. Fähigkeiten, Muster, Werte, Bedingungen, ein Kompass, konkrete Richtungen. Fundiert genug, um Entscheidungen daran zu prüfen. Nicht weil jemand anderes gesagt hat, was richtig ist. Sondern weil der Mensch selbst sieht, was passt.
Erkenntnis über sich selbst ist die schwierigste Form von Erkenntnis. Man ist gleichzeitig Forscher und Gegenstand. Man kann sich nicht von aussen betrachten. Man braucht jemanden, der zuhört und zurückspiegelt, was er sieht. Nicht als Diagnose, sondern als Übersetzung. Was du bereits weisst, aber noch nie klar formuliert hast, in Worte fassen, die tragen.
Berufliche Klarheit beginnt nicht bei der Antwort. Sie beginnt bei der richtigen Frage. Und die richtige Frage ist fast immer: Wie findest du raus, was du willst?