Die anonymen Praxisbeispiele
Ich lese seit Monaten die gleichen Praxisbeispiele und kann es nicht mehr sehen, weil es einfach nicht stimmt. Ein mittelständisches Unternehmen setzt KI im Kundenservice ein und sechs Monate später ist die Kundenzufriedenheit um 35 Prozent gestiegen. Ein anderes nutzt KI für die Personalplanung, die Effizienz steigt um 40 Prozent. Ein drittes verdoppelt seine Conversion Rate mit KI im Marketing.
Klingt genial. Aber kein einziges dieser Beispiele hat einen Firmennamen. Keine Branche, die über eine generische Kategorie hinausgeht. Keinen Ansprechpartner, keine Quelle, nichts, das man nachprüfen könnte.
Ich bin keiner, der solche Beispiele sammelt und akribisch nachprüft. Aber es fällt auf bis über meine Schmerzgrenze hinaus. Es steht überall und folgt immer dem gleichen Schema. Eine KI-Agentur identifiziert sofort die Lücke, implementiert KI, und innerhalb von drei bis sechs Monaten verbessern sich die Zahlen um 25 bis 60 Prozent. Ohne Komplikationen, ohne Widerstand, ohne Probleme, wo mal was nicht funktioniert hat. Es gab anscheinend nirgends einen Mitarbeiter, der Bedenken hatte oder eine der notorisch überlasteten IT-Abteilungen und auch keine Kosten, die aus dem Ruder liefen.
Sorry, aber das ist Blödsinn.
Ich war in meinem Berufsleben an vielen Implementierungen beteiligt. Egal ob neue Technologien, Logistikprozesse oder Vertriebsstrategien, keine einzige verlief so glatt, wie es hier den Anschein erweckt oder uns eingeredet wird. In der Realität gibt es immer einen Moment, in dem etwas nicht so läuft wie geplant. Daten sind nie so sauber, als dass man sie problemlos überall hin migrieren könnte, Schnittstellen übertragen alles Mögliche, nur nicht die gewünschten Datensätze, Mitarbeiter ziehen nicht mit, Kosten sind höher als geplant. In den genannten KI-Beispielen steht hinterher anscheinend auch niemand da und sagt, das war eine schlechte Idee. Dieser Moment fehlt in jedem einzelnen dieser Beispiele. Und ich hatte ihn oft.
Entweder hat man nur mit Firmen gesprochen, bei denen zufällig alles perfekt lief oder die Beispiele wurden so zugeschnitten, dass sie für jede Erfolgsstory taugen. Ich halte eine dritte Option für am wahrscheinlichsten. Es ist alles schamlos erfunden.
Anonyme Beispiele sind nicht per se schlecht. Manchmal wollen Firmen nicht genannt werden. Aber wenn jedes Beispiel anonym ist, ist für mich die Lage klar. Die Behauptungen folgen alle der gleichen Dramaturgie. Vorher war alles langsam, manuell und fehleranfällig. Nachher ist alles schnell, automatisiert und effizient. Die Verbesserungszahlen liegen immer im selben Korridor. Nie unter 20 Prozent, das wäre unspektakulär. Und über 70 wäre unglaubwürdig. Hoch genug um zu beeindrucken, niedrig genug um noch plausibel zu klingen.
Es nervt ehrlich gesagt. Wenn dieser Hype zur Verbreitung solcher Mondzahlen verleitet, ist was faul. Ich frage mich nicht nur, wer diese Zahlen produziert hat, sondern warum. Ich könnte zynisch antworten und sagen, es war ein KI-Berater, der dringend neue Projekte braucht, weil er selbst Angst hat, von der KI wegrationalisiert zu werden. Ich lese diese Beispiele so: Enthalten sie etwas, das schiefging, dann kommen sie aus der Praxis. Wenn nein, ist es schlechter Verkauf. Denn KI ist nicht das erste Produkt in der Geschichte der Technologie, das auf Anhieb immer perfekt funktioniert und solche Wunderzahlen produziert.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.