Der Anruf nach acht

Es war nach acht. Ich war zuhause. Das Telefon klingelte. Ein Handelspartner, der unsere Sportevents betreute. Normalerweise rief er tagsüber an, wenn es um Bestellungen ging, um Termine, um Logistik. Abends nie.

“Hast du das gesehen? Die haben das Ding komplett zerrissen.”

Ich hatte es nicht gesehen. Ich schaltete ein. Es war eine dieser Sendungen, in denen Produkte getestet werden. Unterhaltsam, schnell, für ein breites Publikum. Sie hatten unser Produkt genommen, es vor laufender Kamera auseinandergenommen und die Zuschauer herzhaft lachen lassen.

Das war der Moment.

Nicht der Moment, in dem das Geschäft zusammenbrach. Nicht der Moment, in dem ich aufhörte zu glauben. Sondern der Moment, in dem die Stimmung kippte. Und wenn die Stimmung kippt, kippt alles andere hinterher.

Bis dahin war die öffentliche Meinung auf unserer Seite gewesen. Oder zumindest neutral. Die Leute kannten das Produkt, viele trugen es, prominente Sportler zeigten es in der Öffentlichkeit. Es gab Skeptiker, aber die waren in der Minderheit. Der Hype trug sich selbst. Jeden Monat mehr Umsatz, jeden Monat neue Märkte, jeden Monat die Bestätigung, dass es funktioniert.

Und dann dieser Anruf.

Ein Hype braucht Jahre, um aufgebaut zu werden. Er braucht eine Nacht, um zu kippen. Das ist keine Übertreibung. Es ist eine Erfahrung, die sich in meinen Körper eingebrannt hat. Die Art, wie mein Magen sich zusammenzog, als ich die Stimme am Telefon hörte. Die Art, wie ich wusste, bevor er den Satz fertig gesprochen hatte, was das bedeutet.

Am nächsten Morgen riefen die ersten Händler an. Nicht wütend. Verunsichert. “Was soll ich den Kunden sagen?” Das ist die Frage, die kommt, wenn die Stimmung kippt. Nicht: Stimmt das? Sondern: Was sag ich jetzt? Weil die Wahrheit plötzlich eine andere geworden ist. Nicht weil sich die Fakten geändert hätten. Die Fakten waren dieselben wie am Tag zuvor. Was sich geändert hatte, war die Erzählung.

Gestern war das Produkt ein Hype. Heute war es ein Witz.

Der Inhalt der Sendung war nicht besonders neu. Es waren dieselben Argumente, die Skeptiker seit Monaten vorgebracht hatten. Placebo. Kein messbarer Effekt. Suggestion. Nichts davon war eine Überraschung für jemanden, der sich mit dem Thema beschäftigt hatte. Aber es war eine Überraschung für Millionen Zuschauer, die es an einem Abend zum ersten Mal hörten. In einer Form, die unterhaltsam war. In einer Form, die klar war. In einer Form, die man am nächsten Tag am Arbeitsplatz weitererzählen konnte.

Das ist die Mechanik. Ein Hype lebt von Mundpropaganda und stirbt an Mundpropaganda. Nur schneller.

Ich sass in den Tagen danach viel am Telefon. Mit Partnern, mit Händlern, mit Leuten, die noch eine Woche zuvor begeistert waren. Die Gespräche hatten alle denselben Ton. Leicht beschämt, als hätten sie etwas falsch gemacht. Als wäre es peinlich, das Produkt im Regal zu haben. Als müssten sie sich rechtfertigen.

Niemand fragte: Stimmt das, was in der Sendung gesagt wurde? Jeder fragte: Was machen wir jetzt? Weil es nicht um Wahrheit ging. Es ging um Zugehörigkeit. Gestern gehörte man dazu, wenn man das Band trug. Heute gehörte man dazu, wenn man darüber lachte.

Das ist der Mechanismus, der mich am meisten beschäftigt. Nicht die Sendung selbst. Nicht der Inhalt. Sondern die Geschwindigkeit, mit der Menschen die Seite wechseln. Ohne dass sich an den Fakten irgendetwas geändert hat. Nur weil sich die soziale Bedeutung geändert hat.

Ich habe das seitdem bei vielen Dingen beobachtet. Produkte, Trends, politische Positionen, öffentliche Personen. Der Mechanismus ist immer derselbe. Es gibt einen Punkt, an dem die Stimmung kippt. Und danach gibt es kein Halten mehr. Nicht weil plötzlich alle die Wahrheit erkennen. Sondern weil plötzlich alle auf der neuen Seite stehen wollen.

Der Anruf kam nach acht. Aber er hätte auch um drei am Nachmittag kommen können. Es ging nicht um die Uhrzeit. Es ging um den Ton. Dieses kurze Zögern am Anfang, bevor er sprach. Dieses “Hast du das gesehen?” mit einer Stimme, die schon wusste, was es bedeutet.

Manchmal reicht ein Telefonat.