Jeder Kampf endet in Chile
Soweit weg wie nur möglich. Ich kenne diesen Ort sehr gut. Ich war schon oft dort. Und er schickte mich immer anders nach Hause als ich zu Beginn meiner Reise dort ankam. Diesmal soll es genauso werden. Die karge Landschaft, der Wind, der keinen Namen hatte so wie bei uns in Europa die Stürme, die jedesmal anders heißen und auch von den Meteorologen so genannt werden. Dort trägt der Wind keinen Namen, weil ihm niemand einen gibt. Weil sich niemand die Mühe machte. Wozu auch. Niemand erwartet etwas von diesem Wind. Und deshalb erwartet er auch keinen Namen von uns. Obwohl er oft stärker blies als manch schwere Sturmfront, die von der Nordsee über Europa hereinbricht.
Ich hatte weder Namen im Gepäck und ich war auch nicht dort, um mir über irgendetwas Gedanken zu machen. Ich wusste, ich besuche dort meine Familie und gute Freunde, die ich zu lange nicht mehr gesehen hatte. Die sich aber nie verändern. Ich musste dort also nicht funktionieren. Jeder funktioniert dort auf seine eigene Weise, also reichte es, dass ich nur grundlegend funktionierte.
Ich hatte ohnehin viel zu viele Jahre damit verbraucht, um zu funktionieren oder noch weiter zu gehen. Gegen mich selbst zu kämpfen. Gegen Widerstände, gegen den Rückzug in die Ruhe, gegen meinen Körper, der sich wehrt, obwohl ich weiss, was ihm gut tun würde. Ich habe mich dafür verurteilt und immer wieder versucht, mich zu reparieren. Durch Disziplin, mehr Disziplin und noch mehr Disziplin. Bis meine Willenskraft verbraucht war und das Programm, das viele auch gut kennen, weil sie es mir gesagt haben, nicht mehr funktioniert, und das lag nicht an mir oder den anderen Menschen.
Dahinter steckt nämlich mehr. Und das kennen auch alle. Es wird dir überall verkauft: du bist nicht gut genug, so wie du bist. Werde fitter, produktiver, sozialer und alles natürlich mit mehr Disziplin, als du gerade in der Lage bist, an den Tag zu legen. In Büchern, Podcasts, Coaching-Programmen, Fitnessstudios und auf LinkedIn oder noch besser Instagram steht alles, wie es zu laufen hat. Dort wird jede noch so obszöne Ausprägung der Selbstoptimierung als die einzig richtige Lebensaufgabe unverhandelbar zum Erwerb angeboten. Optimiere oder stirb. Was dir dabei aber selten jemand sagt: Selbstoptimierung kann eine leise Form von Gewalt gegen dich selbst sein. Es steht in keinem Strafregister und löst auch eher selten Empörung aus. Es ist subtile Gewalt und ist gekennzeichnet durch die Art, bei der du dich jeden Abend fragst, warum du schon wieder nicht das getan hast, was du dir vorgenommen hast. Mit diesem enttäuschten Unterton übernimmst du die Narrative und überzeugst dich wieder mit der scharfen Logik von den Ratgebern, dass du den eigenen Widerstand als Defekt behandeln sollst statt als Signal.
Ein Körper der sich wehrt, reagiert. Nach Jahren des Funktionierens in einem System, das dich nie gefragt hat, ob alles in Ordnung ist und ob du das wirklich so willst. Dann die Mitmenschen, die dir sagen, ich lasse mich von dem Wahnsinn gar nicht anstecken und ich mache das ganz anders. Er ist halt einfach schlauer. Man sieht ihn und erkennt, der ist noch selbstoptimierter, als für mich optimal wäre. Mein Reflex: weg von hier. Rückzug ist Schutzreflex von jemandem, der zu oft hinschaut und sich für alles und jeden verfügbar macht. Das wäre kein Problem, wenn man es als Antwort verstehen würde, die man ernst nimmt, wenn man wirklich soweit ist.
Chile ist so ein Rückzugsort. Für den Moment, wenn es wieder so weit ist und man die Schnauze wieder endgültig voll hat. Diesmal wirklich endgültig. Denn Chile zeigt dir nichts Neues. Diesmal verstand ich unmittelbar bei Ankunft sofort, dass ich nie einen echten Kampf kämpfe sondern gegen ein großes Missverständnis. Ich dachte allen Ernstes, ich muss jemand sein, der ich nicht bin. Eine zweite Version von mir, die immer funktioniert bzw. zeigen will, dass sie funktioniert. Dass diese Version existiert, wusste ich schon lange. Aber sie ist nicht die einzige.
Die andere setzt sich mit diesem feinen Unterschied zwischen Aufgeben und Loslassen auseinander. Aufgeben heisst, ich schaffe es nicht. Loslassen dagegen heisst, ich muss es nicht schaffen. Das wogegen ich kämpfe ist gar kein Feind. Sondern der Teil von mir, der endlich wieder gehört werden will.
Chile hilft mir immer. Die Landschaft ist leer aber sie ist stärker als der Wind. Das ist Charakter. Charakter, der keine Erwartung hat, sondern Raum lässt. Unendlich Raum. Genug für die Version von mir, die still ist, weil sie nicht performen will. Es ist für mich deshalb nie ein Schlusspunkt, sondern immer ein Anfang. Ohne Programm und ohne Garantie, dass etwas funktioniert. Zumindest nicht optimal funktioniert. Denn diese Version von mir funktioniert einwandfrei. Für mich. Nicht immer für andere. Aber für mich. Wie werde ich die andere Version von mir nur los, wenn ich die Heimreise antrete.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.