Datenschutz als Wettbewerbsvorteil
In einer Verhandlung über eine Software-Lösung sagte mir jemand: Wir nehmen Datenschutz sehr ernst. Aber diese Aussage kam eben nicht von der Rechtsabteilung, sondern vom Vertrieb und war damit Teil des Sales Pitch.
Die nachfolgende Argumentation ist mittlerweile überall Standard: Transparenz schafft Vertrauen und Vertrauen schafft Kundenbindung. Doch diese Logik ist gleichzeitig das Problem.
Denn wenn Ethik zum Wettbewerbsvorteil wird, dann gilt sie, solange sie profitabel ist. Sobald Datenschutz mehr kostet als er bringt, ist er kein Feature mehr, sondern ein optimierbarer Kostenpunkt. Mir stellte sich im besagten Moment die Frage, ob das Unternehmen diese Ethik-Maßstäbe auch kommunizieren würde, wenn niemand danach fragte. Ich nehme die Antwort vorneweg: bei Software-Dienstleistern ist Ethik Teil des Marketings.
Echte Ethik kostet richtig Geld, konkret Entwicklungszeit. Und wer die Regeln bricht, zahlt Strafen. Doch die Grauzone ist so riesig wie ein Ozean. Es gilt eine einfache Regel: Unternehmen, die transparent sind, gewinnen Vertrauen. Diese Regel gilt solange, wie Transparenz nicht zu teuer wird.
Die DSGVO hat etwas Interessantes ins Licht gestellt. Unternehmen, die sich jahrelang nicht für Datenschutz interessiert hatten, implementierten innerhalb von Monaten umfangreiche Systeme. Nicht weil sich ihre Werte geändert hatten. Sondern weil die Strafen hoch genug waren. Die Ethik folgte der Ökonomie, nicht umgekehrt.
Dann erkannten Unternehmen den Wert von Datenschutz und machten ihn zum Differenzierungsmerkmal. Das klingt besser als die Wahrheit wirklich ist: Unternehmen erkennen, dass Kunden Datenschutz verlangen, und passen sich an, solange es sich rechnet.
Ich sage nicht, dass es falsch ist, Datenschutz als Vorteil zu nutzen. Aber Werte, die nur gelten, wenn sie profitabel sind, sind keine Werte. Es gibt Unternehmen, die aus echter Überzeugung handeln und es sind wenige. Sie nehmen die Kosten für Ethik in kauf oder lehnen Geschäfte ab, die andere annehmen würden. Dass sie langsamer wachsen als die, die weniger genau hinschauen, nehmen nur die wenigsten anerkennend wahr. In der Wahrnehmung vorne sind diejenigen, die Ethik als Wachstumsstrategie entdeckt haben. Und Wachstumsstrategie ist ein Wort, das niemand kritisiert. Aber was passiert mit Werten, wenn sie nur gelten, solange sie profitabel sind? Sie überleben die erste Krise nicht.
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