Datenschutz als Wettbewerbsvorteil
In einer Verhandlung sagte mir jemand: Wir nehmen Datenschutz sehr ernst. Der Satz kam nicht von der Rechtsabteilung. Er kam aus dem Vertrieb. Er war Teil des Pitches. Datenschutz war kein Hindernis, das man überwinden musste. Datenschutz war das Feature.
Die Argumentation ist mittlerweile Standard: Transparenz schafft Vertrauen. Vertrauen schafft Kundenbindung. Kundenbindung schafft Umsatz. Ethik wird zum Business Case.
Die Argumentation ist logisch. Das ist das Problem.
Wenn Ethik ein Wettbewerbsvorteil ist, dann gilt sie, solange sie profitabel ist. Am Tag, an dem Datenschutz mehr kostet als er bringt, ist er kein Feature mehr. Er ist ein Kostenpunkt. Und Kostenpunkte werden optimiert.
Es gibt eine einfache Frage, die ich mir bei solchen Argumenten stelle: Würde das Unternehmen diese Ethik auch haben, wenn kein Kunde danach fragte? Wenn die Antwort nein ist, dann ist es keine Ethik. Es ist Marketing.
Echte Ethik kostet. Sie kostet, wenn der Konkurrent es billiger macht, weil er weniger genau hinschaut. Sie kostet, wenn der Vorstand fragt, warum die Marge schrumpft. Sie kostet, wenn ein lukrativer Auftrag wegfällt, weil man Nein gesagt hat. Ethik, die nie kostet, ist nie getestet worden.
Aber genau diesen Test beschreibt niemand. Beschrieben wird immer die Gewinnerseite: Unternehmen, die transparent sind, gewinnen Vertrauen. Es fehlt die andere Seite: Was passiert, wenn Transparenz teuer wird?
Ich habe in dreißig Jahren Beratung gelernt, dass Werte in guten Zeiten kostenlos sind. Jeder hat Werte, wenn es nichts kostet. Die Frage ist, was passiert, wenn die Zahlen sinken. Wenn ein Investor fragt, warum man nicht dieselben Daten nutzt wie der Wettbewerb. Wenn der Algorithmus besser wäre, wenn man etwas weniger genau hinschaut bei den Einwilligungen.
In diesem Moment zeigt sich, ob Ethik ein Wert ist oder ein Verkaufsargument. Und die Erfahrung zeigt: Meistens ist es das Zweite. Nicht aus böser Absicht. Sondern weil Unternehmen Organismen sind, die auf Druck reagieren. Und der Druck kommt von den Zahlen, nicht von den Werten.
Die DSGVO hat etwas Interessantes gezeigt. Unternehmen, die sich jahrelang nicht für Datenschutz interessiert hatten, implementierten innerhalb von Monaten umfangreiche Systeme. Nicht weil sich ihre Werte geändert hatten. Sondern weil die Strafen hoch genug waren. Die Ethik folgte der Ökonomie, nicht umgekehrt.
Die gängige Erzählung dreht die Geschichte um. Sie sagt: Unternehmen erkennen den Wert von Datenschutz und machen ihn zum Differenzierungsmerkmal. Das klingt besser als die Wahrheit: Unternehmen erkennen, dass Kunden Datenschutz verlangen, und passen sich an, solange es sich rechnet.
Ich sage nicht, dass es falsch ist, Datenschutz als Vorteil zu nutzen. Ich sage, dass man ehrlich sein sollte über das, was das bedeutet. Es bedeutet: Solange es sich lohnt, sind wir die Guten.
Werte, die nur gelten, wenn sie profitabel sind, sind keine Werte. Sie sind Taktik. Gute Taktik. Aber Taktik.
Es gibt Unternehmen, die aus echter Überzeugung handeln. Wenige. Sie erkennst du daran, dass ihre Ethik sie etwas kostet. Dass sie Geschäfte ablehnen, die andere annehmen. Dass sie langsamer wachsen als die, die weniger genau hinschauen. Über diese Unternehmen redet die Branche selten. Sie redet über die, die Ethik als Wachstumsstrategie entdeckt haben.
Was passiert mit Werten, wenn sie nur gelten, solange sie profitabel sind? Sie überleben die erste Krise nicht. Und dann steht im nächsten Jahresbericht ein neuer Wert.