Die anderen Eltern, das Kind und ich
Ich trinke ihn wieder. Dieses Gesöff, das auf dem Schild Kaffee genannt wird. Ich stehe am Rand und halte den Becher fest, weil man irgendwas festhalten muss.
Um mich herum stehen andere Eltern. Sie reden über Bedingungen. Über den Trainer. Über die Einteilung der Gruppen. Aber sie meinen etwas anderes. Sie meinen die Liste. Wer steht oben, wer steht unten. Wer ist drin, wer ist draußen. Es gibt mehr Kinder als Plätze. Jeder kennt die Rechnung.
Die Kinder kennen sie auch. Sie sehen es nicht in dem, was gesagt wird. Sie sehen es in dem, was nach dem Lauf passiert. In der Autofahrt nach Hause. In der Stille, wenn es nicht gereicht hat. Oder in der Erleichterung, die sich anfühlt wie Liebe, aber keine ist.
Neben mir steht ein Vater. Sein Blick klebt an seinem Kind, das durch die Tore fährt. Er steht still, aber sein Körper ist nicht still. Die Schultern ziehen sich hoch bei jedem Tor. Der Atem geht schneller. Die Hand am Becher drückt zu. Er fährt jede Kurve mit. Jede Hundertstelsekunde.
Das Kind sieht ihn nicht. Es sieht den nächsten Schwung. Es tut, was es tun soll.
Unten angekommen schaut es hoch. Nicht auf die Anzeigetafel. Auf den Vater. Es sucht das Gesicht. Es liest darin, ob es gereicht hat.
An guten Tagen ist die Autofahrt leicht. Es wird geredet. Vielleicht gibt es ein Eis oder ein Lob, das beiläufig klingt, aber nicht beiläufig gemeint ist. Das Kind spürt: Heute bin ich richtig. Heute gehöre ich dazu.
An anderen Tagen sagt der Vater: Nicht schlecht. Oder er sagt nichts. Er analysiert die Strecke. Erklärt, wo Zeit liegengeblieben ist. Er meint es gut. Er will helfen. Aber das Kind hört etwas anderes. Es hört: Es hat nicht gereicht. Ich habe nicht gereicht.
Ich kenne diesen Vater. Ich kenne ihn, weil ich ihn jeden Samstag sehe. Und weil ich ihn im Spiegel sehe.
Die Eltern am Rand reden über Technik und Material und Trainingszeiten. Sie organisieren Fahrgemeinschaften und Trainingslager. Sie investieren Geld, das sie nicht erwähnen, und Zeit, die sie nicht zählen. Sie sagen, es geht um das Kind. Um die Erfahrung. Um den Sport.
Aber am Rand passiert etwas anderes.
Am Rand stehen Menschen, die sich über ihre Kinder beweisen. Nicht weil sie schlechte Menschen sind. Sondern weil sie selbst einmal am Rand standen und jemand nach oben geschaut hat und es hat nicht gereicht. Dieses Gefühl, nicht zu reichen, das nistet sich ein. Es sitzt in der Brust wie ein Stein, der nicht warm wird. Und der einzige Weg, den Stein zum Schweigen zu bringen, ist dafür zu sorgen, dass das eigene Kind nicht dasselbe fühlt.
Aber genau das passiert. Es wird weitergegeben. Nicht durch Worte. Durch Blicke. Durch Stille. Durch die Art, wie sich die Schultern heben, wenn das Kind durch die Tore fährt.
Es gibt nur einen Gewinner. Das ist die Regel. Und die Eltern am Rand kämpfen einen stillen Krieg für die Illusion, dass es ihr Kind sein wird.
Der Kaffee ist kalt. Ich trinke ihn trotzdem.
Für wen stehe ich hier eigentlich?