Denken ist Formulieren
Ich habe in meinem Leben vielleicht tausend Texte geschrieben. Nicht alle waren gut. Aber in fast jedem ist etwas passiert, das ich vorher nicht wusste. Nicht weil ich recherchiert habe. Sondern weil ich geschrieben habe. Der Akt des Schreibens hat den Gedanken erzeugt. Nicht umgekehrt.
KI wird gerne als “Schreibassistent” beschrieben. Sie helfe bei “Formulierungsunterstützung und Strukturierung”. Das klingt nach einer harmlosen Arbeitsteilung. Du denkst, die Maschine formuliert. Du hast den Gedanken, sie findet die Worte. Sauber getrennt.
Nur funktioniert Denken so nicht.
Denken ist nicht etwas, das im Kopf passiert und dann aufgeschrieben wird. Denken passiert beim Schreiben. Der Satz, den du anfängst, führt dich woanders hin als geplant. Das Wort, das du wählst, öffnet eine Richtung, die du vorher nicht gesehen hast. Die Struktur, die du einem Text gibst, ist nicht die Verpackung eines fertigen Gedankens. Sie ist der Gedanke.
Jeder, der schreibt, kennt das. Du setzt dich hin mit einer These. Drei Absätze später merkst du, dass die These nicht stimmt. Nicht weil jemand widersprochen hat. Sondern weil der Akt des Formulierens dich gezwungen hat, präzise zu sein. Und Präzision zeigt Lücken.
Wenn eine Maschine die Formulierung übernimmt, überspringst du genau diesen Moment. Du gibst einen Gedanken ein, der vage ist, und bekommst einen Text zurück, der präzise klingt. Die Vagheit wird nicht aufgelöst. Sie wird übertüncht. Der Text liest sich, als wäre der Gedanke klar. Aber er wurde nie zu Ende gedacht. Er wurde zu Ende formuliert. Von einer Maschine, die nicht merkt, wenn etwas nicht stimmt.
Es gibt einen Grund, warum Philosophen schreiben. Nicht diktieren, nicht zusammenfassen lassen, nicht “Formulierungsunterstützung” nutzen. Wittgenstein hat Sätze umgestellt, bis sie stimmten. Nicht weil er penibel war. Sondern weil die Reihenfolge der Gedanke war. Weil der Unterschied zwischen “Die Welt ist alles, was der Fall ist” und “Alles, was der Fall ist, ist die Welt” nicht Stil ist. Es ist Philosophie.
Wer Formulierung als Oberfläche behandelt, tut so, als hätte ein Text einen Inhalt und eine Form, und die Form sei delegierbar. Aber diese Trennung existiert nicht. Der Inhalt entsteht in der Form. Wer die Formulierung abgibt, gibt nicht die Verpackung ab. Er gibt den Denkprozess ab.
Ich habe das selbst getestet. Ich habe eine KI gebeten, einen meiner Gedanken zu formulieren. Das Ergebnis war ein Text, der sich las wie etwas, das ich geschrieben haben könnte. Aber er sagte nicht, was ich meinte. Er sagte etwas Ähnliches. Etwas Plausibles. Etwas, das in die richtige Richtung zeigte, aber den Punkt nicht traf. Den Punkt treffen hätte bedeutet, drei falsche Formulierungen auszuprobieren und zu merken, warum sie falsch sind. Diesen Prozess hat die Maschine übersprungen.
“Strukturierung” ist das zweite Versprechen. Die KI hilft bei der Struktur. Aber Struktur ist keine Gliederung. Struktur ist die Logik eines Arguments. In welcher Reihenfolge Gedanken stehen, bestimmt, was sie bedeuten. Dasselbe Argument in anderer Reihenfolge ist ein anderes Argument. Wer die Struktur delegiert, delegiert die Argumentation.
Und das ist der Punkt, an dem es aufhört, eine Frage der Effizienz zu sein, und anfängt, eine Frage der Verantwortung zu werden. Wenn ein Manager seine Strategie von einer KI strukturieren lässt, wessen Strategie ist es dann? Wenn ein Berater seine Empfehlung von einer KI formulieren lässt, wessen Empfehlung ist es dann?
Die Branche sieht in KI einen Schreibassistenten. Ich sehe eine Maschine, die den letzten Raum besetzt, in dem Menschen noch selbst denken mussten. Nicht weil sie es nicht können. Sondern weil es anstrengend ist. Und weil die Maschine einen Output liefert, der nach Denken aussieht, ohne dass jemand denken musste.
Das Ergebnis sind Texte, die sich lesen, als hätte jemand nachgedacht. Strategien, die klingen, als hätte jemand sie durchdacht. Argumente, die wirken, als hätte jemand sie geprüft. Aber niemand hat nachgedacht, durchdacht, geprüft. Die Maschine hat formuliert. Und Formulierung ohne Denken ist nur Oberfläche.