Denken ist Formulieren
Ich habe in meinem Leben bestimmt tausend Texte geschrieben. Natürlich waren nicht alle gut, aber das ist mir hier gar nicht so wichtig. Wichtig für mich ist, dass jeder Text mit mir was macht, was ich vor dem Verfassen nicht weiß. Es ging nicht um die Recherche und das neue Wissen, das ich mir angeeignet habe. Nein, es war das Schreiben selbst. Der Akt des Schreibens lässt den Gedanken entstehen. Und nicht umgekehrt. Schon in meiner Kindheit war genau aus diesem Grund das Schreiben meine effektivste Lernform.
Heute gibt es KI und sie wird gerne als “Schreibassistent” beschrieben. Sie helfe bei “Formulierungsunterstützung und Strukturierung und vor allem bei der Grammatik”. Das klingt nach einer harmlosen Arbeitsteilung und man meint, der Autor denkt und die KI formuliert. Ich habe also einen Gedanken und die KI findet die passenden Worte.
Nur leider funktioniert Denken so nicht. Denn Denken ist nicht etwas, das im Kopf passiert und dann in Worte gefasst und aufgeschrieben wird. Denken passiert beim Schreiben. Und das ist nicht nur bei mir so. Ich hatte Schreib-Workshops besucht und mich ernsthaft damit auseinandergesetzt. Fakt ist, der Satz, den du anfängst, führt dich nicht dorthin, wo du geplant hast, weil du am Anfang eines Satzes nicht immer einen Plan hast. Das Wort, das du wählst, öffnet eine Richtung, die du vorher nicht gesehen hast. Und die Struktur, die ein Text annimmt, ist in der Regel nicht das Resultat eines fertigen Gedankens. Sie ist die Geburt eines Gedankens. Bei vielen Sachtexten kann das anders funktionieren, aber wenn man Sätze oder Absätze isoliert betrachtet, trifft das auch bei Sachtexten zu.
Und viele, die schreiben, kennen das gut genug. Man setzt sich hin mit einer ersten These und drei Absätze später merkt man, dass die These gar nicht stimmt oder nicht mehr so wichtig ist. Es ist ja kein Dialog und niemand kann dir beim Schreiben widersprechen. Es ist einfach der Akt des Formulierens, der dich zwingt, präzise mit dem zu sein, was sich als Gedanke im Kopf entwickelt. Und jetzt kommt’s: Präzision darf auch Lücken haben.
Wenn eine KI die Formulierung übernimmt, überspringst du genau diesen Moment. Du gibst einen Gedanken ein, der vage ist, und bekommst einen Text zurück, der sehr präzise formuliert ist. Das Vage wird nicht aufgelöst, sondern überschrieben durch die Annahme, dass der Gedanke von Anfang an klar war. Aber er wurde vielleicht nie zu Ende gedacht. Er wurde zu Ende formuliert. Und das von einem Algorithmus, der erst mal nicht merkt, ob das dein wirklicher Gedanke gewesen wäre.
Es gibt einen entscheidenden Grund, warum Philosophen schreiben. Sie diktieren nicht und lassen auch keine Texte zusammenfassen. Wittgenstein hat Sätze so lange umgestellt, bis sie stimmten. Nicht weil er penibel war, sondern weil die Reihenfolge der Gedanke war. Weil der Unterschied zwischen “Die Welt ist alles, was der Fall ist” und “Alles, was der Fall ist, ist die Welt” nicht eine Frage des Stils ist. Sondern es ist Philosophie.
Wer Formulierungen von der KI schreiben lässt, behandelt die Kraft der Gedanken zu oberflächlich. Man tut so, als hätte ein Text einen Inhalt und eine Form, und die Form sei delegierbar. Aber diese Trennung existiert nicht im echten Vorgang des Denkens und des Aufschreibens. Der Inhalt entsteht in der Form. Wer die Formulierung also abgibt, gibt den gesamten Denkprozess ab.
Ich habe das selbst oft genug getestet und war fasziniert, dass ich jetzt nicht mehr denken muss, sondern die KI das übernimmt. Ich habe ChatGPT gebeten, einen meiner als rohen Prompt formulierten Gedanken auszuformulieren. Das Ergebnis war ein Text, der sich las wie etwas, das ich geschrieben haben könnte. Aber er sagte trotzdem nicht, was ich meinte. Er sagte auf alle Fälle etwas Ähnliches. Und es war plausibel und auch in die richtige Richtung zeigte. Aber es traf den Punkt nicht wirklich. Das hätte nämlich bedeutet, zwei falsche Formulierungen auszuprobieren und dann zu merken, warum sie falsch sind. Die KI kann das nicht.
Ein anderes Thema ist die Strukturierung und die KI ist sicherlich ein geniales Werkzeug, Inhalte logisch zu strukturieren. Aber Struktur ist keine Gliederung. Struktur ist die Logik eines Arguments. In welcher Reihenfolge Gedanken stehen, bestimmt, was sie bedeuten. Dasselbe Argument in anderer Reihenfolge ist ein anderes Argument. Wenn man die Struktur delegiert, delegiert man auch die ganze Argumentation. Und damit die Entscheidung über die Wirkung des Textes.
Das ist für mich der Punkt, an dem die hochgepriesene Effizienz von KI die Verantwortung einer Denkleistung vollständig ad absurdum führt. Wenn ein Berater seine Empfehlung von einer KI formulieren lässt, wessen Empfehlung ist es dann?
Viele sehen in KI einen Schreibassistenten. Nur wenige sehen im Schreiben den wichtigsten Ort, in dem Menschen noch selbst denken. KI liefert nur Output, der aussieht wie Denken. Und auch wenn sich die Texte lesen, als hätte jemand nachgedacht, hat niemand nachgedacht.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.