Echt war schon fake, also ist komplett fake nur konsequent

KI-Influencer sind eigentlich eine logische Konsequenz. Denn echte, menschliche Influencer inszenieren sich ohnehin künstlich. Das K für künstlich kann man also schon mal abhaken. Influencer zeigen ein Leben, das so nicht existiert. Also ist der Schritt zu komplett von künstlicher Intelligenz generierten Influencern kein großer mehr.

Ich habe diese Argumentation inzwischen oft gehört und sie ist auf den ersten Blick schlüssig. Man möchte meinen, es sind die richtigen Argumente, aber es ist grundsätzlich falsch. Denn es wird etwas normalisiert, das überhaupt nicht normal ist. Es wird auch nicht normaler, indem man etwas fortsetzt, das überall akzeptiert wurde.

Das Muster funktioniert so: Schritt eins ist problematisch, wird aber toleriert. Also wird Schritt zwei, der weiter geht, als logische Konsequenz von Schritt eins präsentiert. Die Toleranz, die für Schritt eins gilt, wird auf Schritt zwei übertragen. Und plötzlich ist etwas normal, das vor kurzem noch undenkbar war.

Der Trick: Schritt 1 wird toleriert, Schritt 2 als konsequent verkauft. Das Ergebnis ist Normalisierung.

Influencer inszenieren sich. Das ist soweit richtig. Aber ein Mensch, der sein Leben inszeniert, ist immer noch ein Mensch. Er hat ein Leben außerhalb des inszenierten Bildes. Er wacht morgens auf und trifft Entscheidungen, was er zeigt und was nicht. Die Inszenierung ist real, auch wenn das Gezeigte es nicht ist. Da ist aber jemand. Ein echter Mensch.

Bei einem KI-Influencer ist niemand da. Da ist ein Algorithmus, der ein Gesicht generiert, das kein Gesicht ist. Eine Geschichte erzählt, die keine Geschichte hat. Emotionen zeigt, die keine Emotionen sind. Nicht inszenierte Emotionen, wie bei einem menschlichen Influencer, sondern präzise berechnete Signale, die Emotionen simulieren.

Der Unterschied ist nicht graduell, sondern er ist fundamental. Denn es ist das erklärte Ziel, dass Inszenierung echt wirken muss. Authentizität ist dabei ein Schlagwort, das oft verwendet wird. Und hier beginnt der Fehler und das Missverständnis, dass fake echt wird, wenn es authentisch dargestellt wird.

Es wird uns also weisgemacht: Wenn echt schon fake war, dann ist komplett fake nur konsequent. Das ist aber keine Logik. Das ist eine gefährliche Normalisierung. Sie sagt: Die Grenze war sowieso schon überschritten. Also spielt es keine Rolle, ob wir noch weiter gehen.

Ich kenne dieses Argument aus anderen Kontexten. Die Nachrichten waren sowieso schon verzerrt, also spielen Fake News keine Rolle. Politiker haben sowieso schon gelogen, also macht ein komplett erfundener Lebenslauf keinen Unterschied. Die Luft war sowieso schon verschmutzt, also ist ein bisschen mehr egal.

Es ist immer die gleiche Struktur. Ein bestehendes Problem wird benutzt, um ein größeres Problem zu rechtfertigen. Und wer widerspricht, wird als naiv hingestellt. Komm schon. Das war doch vorher schon so.

Ja. Vorher war es schon problematisch. Und das hier macht es nicht weniger problematisch, sondern mehr. Aber wenn du den ersten Schritt akzeptiert hast, ohne ihn zu hinterfragen, fehlt dir die Grundlage, den zweiten abzulehnen. Das ist der Trick. Kein bewusster, aber ein struktureller, der die Wahrheit vernebelt und verwischt. Der Trick passiert, ohne dass ihn jemand bewusst plant.

KI-Influencer werden als Geschäftsmodell beschrieben. Als Innovation. Als nächste Stufe. Die Frage, ob die Stufe in eine Richtung führt, in die wir wollen, wird nicht gestellt. Weil in dieser Logik nur zählt, dass es funktioniert. Dass es Reichweite erzeugt. Reichweite, mit der sich Geld verdienen lässt. Falschgeld quasi.

Aber es geht nicht nur um Influencer. Das Argument gilt überall. Wenn menschlicher Kundensupport vorher schon schlecht war, wird er nicht dadurch schlimmer, dass er automatisiert wird. Wenn politische Reden schon hohl waren, macht es keinen Unterschied, ob eine KI sie schreibt. Wenn Bewerbungsgespräche schon Inszenierung eines besseren Selbst waren, kann man sie auch gleich von Algorithmen führen lassen.

Jedes Mal verschiebt sich etwas. Nicht viel. Gerade genug, dass es logisch klingt. Und irgendwann stehst du an einem Punkt, an dem nichts mehr echt ist, und jemand sagt: War es doch vorher schon nicht.

Die Frage ist nicht, ob es vorher echt war. Die Frage ist, ob wir uns selbst noch glauben.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.