Ethik als Blitzableiter

Ich habe in den letzten Jahren viele Bücher über KI gelesen. In fast jedem steckt ein Abschnitt über Ethik. Meistens gegen Ende eines Kapitels. Er nennt ein Problem, mahnt zur Vorsicht, und dann geht das nächste Kapitel los, als wäre nichts gewesen.

Ich habe versucht, aus diesen Abschnitten irgendetwas Konkretes abzuleiten. Eine Handlungsanweisung, irgendetwas, das jemand morgen anders machen würde. Ich habe nichts gefunden.

Die Formulierungen sind austauschbar. “Es ist wichtig, ethische Aspekte zu berücksichtigen.” “Die Verantwortung liegt letztlich beim Menschen.” Du könntest den Absatz aus dem Marketing-Kapitel ins HR-Kapitel schieben und er würde dort genauso funktionieren.

In der Elektrotechnik gibt es ein Bauteil, das Spannung ableitet, bevor sie Schaden anrichtet. Einen Blitzableiter. Die Ethik-Abschnitte in Business-Büchern funktionieren genauso. Sie nehmen die Spannung weg, die entstehen könnte, wenn jemand fragt: Ist das eigentlich richtig, was wir hier tun? Und leiten sie in einen Absatz ab. Danach kann man ungestört weitermachen.

Das ist ein klares Muster und Business-Bücher brauchen diese Abschnitte, weil ein Buch über KI ohne Ethik rücksichtslos wirkt. Also wird sie eingefügt, wo sie hingehört. Gerade genug, um den Anspruch zu markieren.

Als wir unser eigenes Buch über KI schrieben, saß ich vor dem gleichen Problem. Du sitzt vor dem Manuskript und weisst, dass du etwas zu Ethik sagen musst. Und dann merkst du, wie schwer es ist, etwas zu sagen, das über Mahnung hinausgeht. Etwas, das eine echte Konsequenz hat. Das dem Leser nicht erlaubt, einfach weiterzublättern. Viele Autoren lösen das, indem sie es gar nicht erst versuchen. Mir wäre es auch lieber gewesen. Ich bin mit meinem eigenen Ergebnis nicht zufrieden. Überhaupt nicht. Warum sonst habe ich in der Zeit einen Essay nach dem anderen dazu geschrieben. Immer mit der gleichen Frage und ähnlichem Ergebnis.

Wer diese Abschnitte liest, hat danach das Gefühl, die ethische Frage sei behandelt. Man kann weitermachen. Aber die eigentlichen Fragen stehen nirgends. Was passiert mit den Leuten, die durch KI ihre Arbeit verlieren? Wohin gehen sie, wer bezahlt die Umschulung? Und was ist mit Entscheidungen, die niemand mehr nachvollziehen kann, weil die Analyse von einer Maschine kommt?

Diese Fragen lassen sich nicht in einem Absatz ableiten. Sie würden das ganze Buch in Frage stellen. Und genau deshalb stehen sie dort nicht. Und sie stehen hier, weil ich unzufrieden bin mit meiner eigenen Arbeit. Ob ich es besser hätte lösen können? Vermutlich nicht, sonst würde ich nicht zwei Jahre danach immer noch um Lösungen ringen.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.