Warum Ethik immer am Ende steht
Ethik kommt immer am Schluss. Insbesondere wenn es um KI geht, dann ist Ethik gefühlt ein Störfaktor, weil sie die Effizienzgier ausbremst. Also steht sie ganz am Ende der Liste, wenn alles andere schon abgehakt ist.
Irgendwann wurde diese Entscheidung über die Aufnahme des Ethik-Themas getroffen. Oder sie wurde vergessen und man erkannte das erst hinterher. Irgendwie ist es ja auch eine Entscheidung, etwas Vergessenes dann einfach ans Ende der Liste zu setzen. Und in dem Moment, wenn man irgendwann festlegt, in welcher Reihenfolge die Themen stehen und sich Ethik wieder hinten anstellen muss, dann sagt das auch was über die Relevanz oder Priorität.
Am Anfang ist die Begeisterung groß über das, was KI alles kann und warum es jetzt implementiert werden muss. Es wird über die Anwendung diskutiert, über die dafür notwendigen Tools und am besten nennt man das Ganze dann Agentic AI und alle Abteilungen dürfen staunen. Jeder sieht sich die Ergebnisse an, was andere damit erreicht haben und dass die Zukunft großartig wird. Und dann ganz am Ende: Ethik als mahnender Hinweis, dass darauf streng geachtet werden muss. Nochmal von vorne: erst die Anforderungen, dann die Software-Entwicklung, Tool-Implementierung, erste Tests, Abläufe werden einstudiert und dann kommt das Gewissen.
Ich rede nicht von Theorie, sondern ich habe diese Abläufe selbst gesehen. Dort, wo ich dabei war, stand Ethik nie am Anfang der Diskussion. Wie bei der Pharmaentwicklung geht es erst um die Wirkung und dann um die Nebenwirkungen. Finanzprodukte malen erst die Rendite in den ausschweifendsten Farben und dann kommt noch ein Risikohinweis. Diese Reihenfolge ist funktional und etabliert, denn wer direkt begeistert ist, prüft weniger nach.
Eine KI-Strategie, die mit Ethik beginnt, würde andere Fragen aufwerfen. Was passiert mit den Menschen, deren Arbeit die Maschine übernimmt? Wem gehören die Daten? Was bedeutet es, wenn Entscheidungen über Menschen von Systemen getroffen werden, die niemand vollständig versteht?
Dafür wäre eine andere Strategie nötig, die natürlich vieles ausbremst und deutlich langsamer bzw. aufwändiger umzusetzen wäre. Es zerstört eine komplette Projekteuphorie, wenn man nicht mit einem rosigen Versprechen beginnt, sondern mit einer komplizierten Frage nach einem Problem, das niemand will. Es wäre aber ein ehrlicher Anfang.
Die Position eines Themas in einem Dokument definiert oft sein Gewicht. Was am Anfang steht, ist per se wichtig und rahmt dann alles, was darauf folgt. Was am Ende steht, wird in der Regel gar nicht mehr gelesen. Meinungen sind eh schon gebildet und Entscheidungen bereits gefällt. Ethik ist nie der Hauptgang, sondern höchstens eine dekorative Beilage, die schon kalt auf den Teller kommt.
Wobei sich die Ethik-Texte meist sehr schön lesen und sie nennen auch die richtigen Themen. In gut gewählten Formulierungen verpackt stellen sie das Thema auch ernsthaft und für jeden absolut nachvollziehbar dar. Zumindest textlich.
Aber der argumentative Aufbau widerspricht dem Text per se, denn wenn Ethik nicht am Eingang die Tür öffnet, hat sie auch keine echte Botschaft mehr außer dass es reicht, erst am Ende über die Konsequenzen nachdenken zu müssen.
Und genau so läuft es in vielen Unternehmen. Die KI wird eingeführt, Prozesse umgestellt, und anhand der Ergebnisse immer weiter und weiter optimiert. Irgendwann, meistens nachdem etwas schiefgelaufen ist oder eine Strafe von irgendeinem höheren Gerichtshof droht, wird der Absatz mit der Ethikfrage gelesen. Ich habe es auch schon gesehen, dass es erst nachträglich ergänzt wird, um Gerichte milde zu stimmen. Mir wurde gesagt, das passiert sogar recht häufig. Und dann werden Gremien eingesetzt und Richtlinien geschrieben. Alles nachträglich und mit großer Ernsthaftigkeit. Allerdings erst, nachdem die Fakten längst geschaffen sind.
Viele KI-Diskussionen reproduzieren diese Reihenfolge, anstatt sie zu hinterfragen. Man könnte zeigen, dass Ethik nicht ans Ende gehört, weil sie schwierig ist, sondern an den Anfang, weil sie wichtig ist. Aber wie in der Pharma oder im Finanzsektor düst man ungerne mit angezogener Handbremse los.
Die Beteiligten würden es schon besser wissen, aber das kollektiv abgestimmte Stillschweigen ist bereits ein wohl etabliertes System.
Das Ergebnis einer Argumentation sollte eine klare Aussage sein. Und die Aussage hier ist: Ethik ist das, was übrig bleibt, wenn alles andere fertig implementiert ist.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.