KI als kreativer Partner
Ich habe letzte Woche einen Text geschrieben. Einen, der nicht funktioniert hat. Ich habe ihn gelöscht und neu angefangen. Dreimal. Am Ende war der Text halb so lang wie geplant, sagte etwas anderes als ich vorher dachte, und war besser als alles, was ich mir vorgenommen hatte.
Das ist Kreativität. Nicht das Ergebnis. Der Weg dorthin. Das Löschen. Das Nicht-Wissen. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ohne sagen zu können, was. Und dann der Moment, in dem es kippt. In dem ein Satz steht und du weißt: Das ist es.
KI wird zunehmend als kreativer Partner bezeichnet. Sie erkennt Muster in Kundendaten, generiert personalisierte Inhalte, testet Varianten, optimiert. Das wird Kreativität genannt.
Es ist keine Kreativität. Es ist Kombination.
Kreativität beginnt dort, wo Kombination aufhört. Kombination nimmt, was existiert, und ordnet es neu. Das ist nützlich. Manchmal sogar beeindruckend. Aber es ist etwas grundsätzlich anderes als der Moment, in dem jemand etwas denkt, das vorher nicht da war. In dem ein Musiker eine Note spielt, die falsch ist und trotzdem stimmt. In dem ein Satz entsteht, der eine Erfahrung trifft, für die es vorher kein Wort gab.
KI kann tausend Varianten einer Anzeige erzeugen. Jede davon optimiert auf Klickrate, Verweildauer, Conversion. Jede davon getestet, gemessen, verbessert. Das Ergebnis ist ein Output, der funktioniert. Aber Funktionieren ist nicht Kreativität. Funktionieren ist das Gegenteil davon.
Das Interessante an kreativer Arbeit ist, dass sie meistens nicht funktioniert. Die meisten Ideen sind schlecht. Die meisten Entwürfe landen im Papierkorb. Der Prozess ist ineffizient, frustrierend, langsam. Genau das macht ihn wertvoll. Weil in diesem Scheitern etwas passiert, das kein Algorithmus simulieren kann: Du verstehst das Problem anders als vorher. Du kommst an einen Punkt, an dem du nicht mehr weißt, was du suchst. Und dann findest du etwas, das du nicht gesucht hast.
Ein Algorithmus sucht nicht. Er berechnet. Er hat kein Gefühl dafür, dass etwas nicht stimmt. Er hat keine Frustration, keine Zweifel, keinen Moment, in dem er alles löscht und von vorne anfängt, weil es sich falsch anfühlt. Er hat kein “sich anfühlen”.
Wenn von “kreativem Partner” die Rede ist, ist meistens Effizienz gemeint. Weniger Aufwand für mehr Output. Schnellere Varianten. Mehr Tests. Bessere Zahlen. Das ist ein gültiges Versprechen. Aber dann soll man es so nennen. Effizienz. Nicht Kreativität.
Das Wort wird benutzt, weil es besser klingt. Effizienz klingt nach Fabrik. Kreativität klingt nach Kunst, nach etwas Menschlichem. Es überträgt eine Qualität, die nicht vorhanden ist. Und es entwertet gleichzeitig das, was Kreativität tatsächlich bedeutet.
Wenn alles Kreativität ist, ist nichts Kreativität. Wenn ein Algorithmus, der Textbausteine neu kombiniert, kreativ ist, was ist dann der Mensch, der drei Entwürfe löscht, weil keiner stimmt?
Ich habe Angst vor der Antwort, die sich abzeichnet. Nicht dass Maschinen kreativ werden. Sondern dass wir das Wort so lange verwässern, bis wir vergessen, was es einmal bedeutet hat. Dass wir optimierten Output für Kreativität halten und den ineffizienten, schmerzhaften, menschlichen Prozess als überflüssig betrachten.
Die KI kann vieles. Sie kann kombinieren, variieren, beschleunigen. Sie kann mir Arbeit abnehmen, die mich langweilt, und mir Zeit geben für die, die mich fordert. Das ist wertvoll.
Aber sie ist kein kreativer Partner. Sie ist ein Werkzeug. Ein gutes. Der Unterschied ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, was wir in Zukunft von Menschen erwarten und was nicht.
Was meinen wir, wenn wir Kreativität sagen? Wem dient es, wenn wir das Wort auf alles ausdehnen, das einen Output erzeugt?