Ich bin nicht geläutert
Mein wildestes Projekt war der Aufbau der Marke Power Balance in Europa und die damit verbundenen extremen Turbulenzen und Hochs und Tiefs. Ich war auch an der Mutterfirma in den USA beteiligt und habe auch das gesamte Ausmaß dieser Story mitgetragen. Alles ging extrem schnell hoch und genauso schnell wieder runter.
Wenn mich Leute darüber fragen, sind sie neugierig und erwarten eine bestimmte Antwort. Entweder sie fragen aus Schadenfreude oder sie sind reflektiert und wollen wissen, wie das läuft: jemand macht Fehler, steht wieder auf und ist danach ein besserer Mensch. Bei mir lief das allerdings ganz anders.
Nach dieser intensiven Phase stand ich irgendwann da. Ich war nicht geläutert. Ich bin einfach wacher geworden. Für manche klingt das langweilig, aber für mich war das wichtig. Man muss Erfahrungen einfach selber machen und erst dann spürt man wirklich, was sie mit einem machen. Alles andere ist leblose Theorie.
Wacher heißt, ich merke schneller, wenn etwas nicht stimmt. Ich reagiere auf Zeichen, die ich früher übersehen hätte. Ich mache trotzdem Fehler. Andere als vorher, aber immer noch genug.
Die Leute wollen den einen Moment hören, in dem alles klar wird. Der Morgen, an dem man aufwacht und plötzlich versteht. Diesen Moment gab es hier aber nicht.
Ich habe die Firma in Europa abgewickelt. Das waren Monate mit Vertragsauflösungen und Gesprächen über Geld, das nicht mehr da war. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich Dinge verbockt habe, für die ich keine besonders gute Erklärung hatte. Weder für mich noch für andere.
Irgendwann kam die Distanz. Und mit ihr Reflexion. Reflexion passierte automatisch beim Nachdenken und am Anfang habe ich alles beschönigt. Anderen gegenüber und auch mir gegenüber. Ohne Beschönigung fühlten sich meine Gedanken und auch Erzählungen für mich unangenehm an. Ich dachte über alles wirklich intensiv, was passiert war, über die Menschen und ich versuchte natürlich, die unterschiedlichen Perspektiven zu sehen. Ich dachte dabei nicht: Jetzt verstehe ich besser. Sondern die schleichende Erkenntnis war: Das war ich. Ich lernte mich im Nachhinein kennen.
Ich war viel Kritik ausgesetzt. Ob zu Recht oder zu Unrecht ist zwar nicht egal, aber es nagt immer. Die Kritik war, ich hätte Placebo verkauft. Das war noch die charmante Form von Konfrontation. Manche nannten es Betrug. Es war auch viel Bewunderung dabei. Aber die meisten erwarten am Ende die Lektion. Den einen Satz, der alles zusammenfasst und das rechtfertigt, was jeder im Hinterkopf dachte. Egal ob Placebo, Scharlatanerie oder Bewunderung. Aber diesen Satz habe ich nie gefunden. Es gibt keine Erkenntnis, die den Verlust aufwiegt und auch keine Begründung dafür, dass es sich gelohnt hat.
Was ich aber mitgenommen habe: einen schärferen Blick und eine schnellere Reaktion auf Bullshit. Was auch immer das bedeutet. Sei es Betrug, dumme Anschuldigungen oder einfach nur sinnbefreite Kommentare. Und trotz der präziseren Reaktion, traue ich keinem schnellen Urteil mehr. Schon gar nicht meinem eigenen. Weil ich weiß, da kommt noch mehr. Ein Gedanke, der zu Ende gedacht als fertig abgehakt wird. Ist fertig. Aber danach kommt ein neuer. Und der alte ist alt.
Ich sah ein, dass ich nicht der Unternehmer bin, der zurückkommt und jetzt allen erklärt, wie es richtig geht. Ich rede darüber, weil es ehrlicher ist als durch Beschönigung zu schweigen. Ich dachte oft, vielleicht hilft es ja jemandem, der gerade in der gleichen Schleife steckt. Denke einen Gedanken zu Ende. Schließe ab. Und es wird ein neuer kommen. Ein besserer oder ein ehrlicherer. Das ist egal. Denn es wird wieder nicht der letzte gewesen sein.
Es gibt diesen Reflex, alles in einen Bogen zu packen. Die perfekte, abgerundete Erklärung für alles. Das ist der letzte Gedanke, der alles abrundet. Früher wollte ich das immer. Aber etwas hat sich verändert. Die Veränderung ist kein Triumph, sondern sie kam über die Zeit und ich erkannte, dass man aus Erfahrung nicht automatisch weise wird. Sondern eben aufmerksamer. Wachsamer. Offen für den nächsten Gedanken.
Ich schreibe das nicht auf, um zu beweisen, dass ich mich gewandelt habe. Die Alternative wäre, so zu tun, als gäbe es ein Happy End. Das wäre die nächste Beschönigung. Aber was ich von dieser Zeit mitnahm, ist, dass ich meinem eigenen Urteil weniger als früher traue. Was zunächst wie eine Schwäche gilt, war für mich einer der wenigen echten Fortschritte. Denn es gibt immer einen nächsten Gedanken und der vorige ist alt. Der neue ist immer echter.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.