Ich bin nicht geläutert
Es gibt eine Geschichte, die jeder erwartet. Der Mann macht Fehler, fällt tief, erkennt die Wahrheit, steht auf und wird ein besserer Mensch. Die Heldenreise. Der Bogen. Die Erlösung.
Das ist nicht meine Geschichte.
Ich bin nicht geläutert. Ich bin wacher. Und das ist weniger, als es klingt.
Wacher heisst nicht weise. Es heisst, ich sehe schneller, wenn etwas nicht stimmt. Es heisst, ich reagiere früher auf Zeichen, die ich früher ignoriert hätte. Es heisst nicht, dass ich keine Fehler mehr mache. Es heisst, dass die Fehler andere sind.
Die Leute wollen eine Wandlung. Sie wollen den Moment, in dem alles klar wird. Den Morgen danach, an dem man aufwacht und die Welt mit neuen Augen sieht. Die Schnittstelle zwischen dem alten Ich und dem neuen Ich. So funktioniert das nicht.
Was tatsächlich passiert ist: Ich habe mich sortiert. Familie, Bilanz, Scherben. Das klingt nicht inspirierend, weil es nicht inspirierend ist. Es ist Arbeit. Es ist aufräumen, ohne dass jemand zuschaut. Verträge abwickeln. Telefonate führen, die man nicht führen will. Beträge in Tabellen eintragen, die wehtun. Sich eingestehen, dass man Dinge verbockt hat, für die es keine elegante Erklärung gibt.
Erste Distanz. Dann Reflexion. Aber Reflexion ohne Beschönigung ist kein angenehmer Prozess. Man schaut sich Dinge an und denkt nicht: Ah, jetzt verstehe ich. Sondern: Das war ich. Genau so. Und es gab keinen Grund, den ich mir nicht selbst geliefert hätte.
Vielleicht habe ich Placebo verkauft. Glaube vermarktet. Hoffnung bedient. Ich ahnte irgendwann, was ich tat. Und ich habe weitergemacht. Dafür gibt es keine Absolution. Nicht von mir, nicht von den Kunden, nicht von der Geschichte.
Manche erwarten am Ende die Lektion. Der goldene Satz, der alles zusammenfasst. Die Moral, die den Schmerz rechtfertigt. Ich kann das nicht liefern. Nicht weil ich bescheiden bin, sondern weil ich es nicht habe. Es gibt keine Lektion, die den Verlust aufwiegt. Es gibt kein Wissen, das die Schulden zurückzahlt. Es gibt keinen Satz, der macht, dass es sich gelohnt hat.
Was es gibt: Aufmerksamkeit. Geschärfter Blick. Schnellere Reaktion auf Bullshit. Nicht null, aber mehr als vorher.
Ich bin nicht der gebrochene Unternehmer, der zurückkommt und jetzt allen erklärt, wie es richtig geht. Ich bin jemand, der etwas erlebt hat und darüber redet, weil es ehrlicher ist als zu schweigen. Nicht weil es mir hilft. Weil es vielleicht jemandem hilft, der gerade in der gleichen Schleife steckt.
Keine Selbstmitleid-Geschichte. Keine Opferrolle. Aber auch keine Erlösung.
Es gibt diesen Reflex, alles in einen Bogen zu packen. Früher war ich so, dann passierte das, jetzt bin ich anders. Und ja, natürlich hat sich etwas verändert. Aber die Veränderung ist nicht die Pointe. Sie ist kein Triumph. Sie ist einfach da. Leise, undramatisch, und an den meisten Tagen nicht mal spürbar.
Aus Erfahrung wird man nicht automatisch weise. Man wird aufmerksamer. Das ist alles. Und an vielen Tagen ist das genug. An manchen nicht.
Ich schreibe das nicht, um irgendetwas zu beweisen. Nicht um zu zeigen, dass ich mich gewandelt habe. Nicht um zu zeigen, dass ich gelernt habe. Ich schreibe es, weil die Alternative wäre, so zu tun, als gäbe es ein Happy End. Und das wäre die nächste Lüge in einer langen Reihe. Diesmal an mich selbst.
Ich bin nicht geläutert. Ich bin wacher. Und ich traue meinem eigenen Urteil weniger als früher. Das klingt nach Schwäche. Ich halte es für einen der wenigen echten Fortschritte.