Der virtuelle Sekretär
Jeder Mitarbeiter kann jetzt eine Art virtuellen Sekretär haben. So heißt es überall und es klingt nach Fortschritt. Alle können also bekommen, was vorher nur wenigen vorbehalten war.
Ich hatte auch mal eine Assistentin. Mitarbeiter meiner eigenen Firma hatten sich an mich gewandt, dass ich schlecht erreichbar war und Email-Antworten zu lange dauerten. Ich war froh, dass ich mich dafür entschieden hatte. Sie sortierte meine Termine, buchte Reisen, nahm Telefonate entgegen und sie traf irgendwann selbst Entscheidungen, da sie mich und meine Arbeitsweise sehr schnell verstand.
Sie hatte selbst eine Familie und diesen Job gern und gut gemacht. Der Job war gut bezahlt und bot Verlässlichkeit. Sie wurde nicht nur von mir, sondern von allen sehr geschätzt.
Wenn nun jeder Mitarbeiter jetzt einen virtuellen Sekretär hat, dann braucht niemand mehr eine Assistentin. In der modernen Arbeitswelt wird das aber anders formuliert: Aufgaben, die früher Assistenzen vorbehalten waren, werden demokratisiert. Denn: Jeder profitiert. Was aber nicht gesagt wird: richtige Assistenten verlieren ihren Job. Was überhaupt nicht gesagt wird, ist: Assistenz ist ein Beruf, der verschwindet.
“Jeder kann jetzt seinen eigenen Assistenten haben” ist der Lieblingssatz der Technologiebranche. Jeder kann jetzt Musik oder Filme produzieren. Jeder kann jetzt programmieren. Jeder kann jetzt einen virtuellen Sekretär haben. Was in der Debatte fehlt, sind die Menschen, die diese Dinge vorher als Beruf ausgeübt haben. Sie sind in den Gesprächen bereits verschwunden. Sie sind bereits Vergangenheit und Vergangenheit ist im Technik-Narrativ immer das Veraltete und Ausgediente.
Aber das Vorher war nicht schlecht. Es waren Jobs mit Einkommen und Fähigkeiten, die jemand über Jahre aufgebaut hat. Es waren Identitäten, die an eine Tätigkeit geknüpft waren und nicht demokratisiert, sondern eliminiert werden. Demokratisierung und Elimination sind hier verschiedene Wörter für denselben Vorgang, je nachdem, auf welcher Seite du stehst.
Wenn du der Mitarbeiter bist, der jetzt seinen virtuellen Sekretär bekommt, feierst du. Wenn du die Sekretärin bist, die ersetzt wird, nicht.
Ich habe in den Neunzigern erlebt, wie Sachbearbeiter durch ERP-Systeme ersetzt wurden. Es hieß damals: Die Mitarbeiter werden für höherwertigere Aufgaben frei. Das Wort frei bedeutet hier: entlassen. Die höherwertigen Aufgaben waren meistens gar nicht da, denn sie erforderten Qualifikationen, die die Freigesetzten nicht hatten. In den Präsentationen wurde das Effizienzgewinn genannt.
Der Vorgang ist früher wie heute immer der gleiche. Die Technologie wird für die beschrieben, die sie kaufen und nicht für die, die sie betrifft. Die Entscheidungen sind ohnehin schon getroffen, weil Effizienzgewinn alles unhinterfragt rechtfertigt.
Dass jeder Mitarbeiter jetzt eine Art virtuellen Sekretär haben kann ist ein Versprechen und eine Drohung gleichzeitig. Das Versprechen richtet sich an die Unersetzbaren, die Drohung gilt denen, die in der Planung schon längst gestrichen wurden.
Meine Assistentin brachte nicht nur Ordnung in meine Termine, denn das konnte Outlook schon vor zwanzig Jahren. Der Unterschied war, sie wusste, was wichtig war, ohne dass ich es ihr gesagt habe. Weil sie es spürte und ein Urteil hatte. Das verspricht die KI auch. Aber jetzt stellt sich mir die Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir Sekretär sagen. Und ob das, was wir meinen, sich in Software abbilden lässt. Aber die Software ruft nicht einen Kunden an und fragt ihn mit freundlichen Worten, ob wir nicht den Termin etwas früher ansetzen sollen. Denn sie weiß, dass ich mit dem Kunden gerne ins Plaudern komme und es nach der Geburt seines Sohnes angebracht ist, sich dafür etwas mehr Zeit zu nehmen.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.