Ich war Täter und Zeuge
Wenn du eine Geschichte erzählst, in der du selbst vorkommst, wollen die Leute wissen, wer du in der Geschichte bist. Bist du das Opfer? Bist du der Held? Bist du der Böse, der jetzt geläutert ist?
Ich bin nichts davon.
Ich war Teil einer Maschinerie. Ich habe sie nicht erfunden, aber ich habe sie am Laufen gehalten. Ich habe daran verdient. Ich habe zugesehen, wie sie wächst. Und ich habe zugesehen, wie sie kippt. Ich war nicht aussen vor. Ich war mittendrin.
Die Opferrolle wäre einfach. Ich wurde hineingezogen. Ich wusste es nicht besser. Die anderen waren schuld. Die Geschichte schreibt sich fast von allein, und sie hat einen klaren Vorteil: Du stehst gut da. Alle verstehen dich. Alle nicken.
Aber es stimmt nicht.
Die Heldenrolle wäre auch einfach. Ich habe die Wahrheit erkannt. Ich bin ausgestiegen. Ich erzähle jetzt alles, damit andere davon lernen. Auch diese Geschichte schreibt sich leicht. Auch sie hat einen Vorteil: Du stehst noch besser da. Nicht nur Opfer, sondern tapfer.
Stimmt auch nicht.
Und der Whistleblower? Der geht an die Medien, packt aus, nennt Namen, zeigt mit dem Finger auf andere. Der sagt: Schaut her, was die gemacht haben. Das bin ich am allerwenigsten. Ich rechne nie mit anderen ab. Nur mit mir selbst.
Die Wahrheit ist weniger bequem als jede dieser Rollen. Ich war gleichzeitig jemand, der profitiert hat, und jemand, der es gesehen hat. Täter und Zeuge. In einer Person. Ohne dass sich das je sauber trennen liesse.
Ich habe die Dissonanz gespürt. Der Wissenschaftler sagt Nein. Der Kunde sagt Ja. Ich stehe dazwischen und verdiene. Das ist keine tragische Konstellation. Das ist Alltag. In mehr Berufen und Situationen als wir zugeben wollen.
Was diese Position selten macht, ist nicht die Erfahrung selbst. Es ist die Bereitschaft, sie so zu erzählen. Ohne Ausrede, ohne Reinwaschung, ohne die Version, die besser klingt. Die meisten Insider, die später reden, erzählen eine bereinigte Version. Eine, in der sie irgendwann aufgewacht sind. In der es einen Wendepunkt gab, einen Moment der Klarheit, nach dem alles anders war.
Bei mir gab es keinen solchen Moment. Es war ein Prozess. Langsam, unspektakulär, ohne Fanfare. Kein Blitz, der einschlägt. Eher ein Nebel, der sich hebt. Stück für Stück. Über Jahre.
Ich schwinge keine Moralkeule. Ich stehe nicht auf einer Bühne und sage: So darf man nicht handeln. Weil ich weiss, wie es ist, mittendrin zu stehen. Weil ich weiss, dass die meisten Menschen in derselben Situation dasselbe getan hätten. Nicht aus Bosheit. Aus Normalität.
Was ich sage, ist einfacher und unangenehmer: So funktioniert es. Das ist der Mechanismus. Und das ist der Preis, den man dafür zahlt. Nicht der Preis, den andere zahlen. Der eigene.
Ich bin nicht reiner geworden. Ich bin ehrlicher geworden. Das ist ein Unterschied. Reiner heisst: Ich habe die Seite gewechselt. Das ist wieder eine Rolle. Ehrlicher heisst: Ich sehe jetzt, wo die Grenzen verlaufen. Zwischen dem, was ich getan habe, und dem, was ich mir erzählt habe.
Das Bequeme an Rollen ist, dass sie einen Platz zuweisen. Opfer sitzen auf der einen Seite, Täter auf der anderen, Helden auf der Bühne. Jeder weiss, wo er steht. Jeder weiss, was er fühlen soll.
Wenn du sagst, ich war beides, dann fehlt den Leuten die Kategorie. Sie wissen nicht, ob sie dich mögen oder nicht mögen sollen. Ob du vertrauenswürdig bist oder gefährlich. Ob sie dir glauben können.
Gut so. Genau das ist der Punkt. Die Wirklichkeit passt nicht in Kategorien. Sie passt nicht in Rollen. Sie ist unordentlich, widersprüchlich und unbequem.
Ich schone mich nicht selbst. Aber ich klage mich auch nicht an. Beides wäre zu einfach. Stattdessen schaue ich hin und erzähle, was ich sehe. So klar wie möglich. Ohne die Version, die sich besser verkaufen lässt.
Ja, ich habe daran verdient. Ja, ich wusste, was ich tue. Nein, ich bereue nicht, dass ich hinschaue, was es mit uns macht.
Und mit mir.