Was bleibt, wenn alles automatisiert ist?

Die Liste dessen, was KI übernehmen kann, wird immer länger. Termine planen. E-Mails beantworten. Berichte erstellen. Meetings zusammenfassen. Kundensupport managen. Leads generieren. Projekte von Anfang bis Schluss managen. Kunden onboarden.

Die Liste ist endlos. Ich habe einen Teil davon in meinem Buch näher untersucht und das war noch ganz am Anfang der KI-Anwendungen. Ich habe diese Liste gelesen und dann nochmal gelesen. Und dann habe ich versucht, mir eine Stellenbeschreibung vorzustellen, die nicht darin vorkommt.

Was bleibt nach der Automatisierung?

Die Liste ist nicht vollständig, aber ich finde, sie ist exemplarisch. Denn sie bildet in erster Linie nicht einzelne Aufgaben ab, sondern Kategorien: Kommunikation, Koordination, Dokumentation, Analyse, Summary, Betreuung und so weiter.

Seit über dreißig Jahren habe ich in Organisationen verbracht. Als Berater, als Inhaber, Teilhaber, Teammitglied, in den unterschiedlichsten Branchen. Und wenn ich ehrlich bin, bestand ein grosser Teil meiner Arbeit aus genau diesen Aufgaben. Meetings vorbereiten, Ergebnisse zusammenfassen, E-Mails schreiben, Berichte erstellen, Leute koordinieren. Das meiste davon war der Kern meiner Arbeit, denn die Zusammenfassung eines Meetings ist nicht Verwaltung, wenn das Meeting die Entscheidung war, und eine E-Mail ist nicht Routine, wenn sie den Konflikt klärt.

Die Diskussion macht keinen Unterschied zwischen dem Was und dem Wie. Sie sieht: E-Mails beantworten. Und sie sagt: Das kann die KI. Aber eine E-Mail an einen verunsicherten Kunden, in der du in drei Sätzen das Richtige sagst, weil du verstehst, was er eigentlich fragt, ist etwas anderes als eine E-Mail mit Terminvorschlag. Es ist dieselbe Tätigkeit. Es ist nicht dieselbe Aufgabe.

Die Automatisierung sieht Kategorien. Menschen sehen Situationen. Die Kategorie “Kundensupport” enthält tausend verschiedene Momente, von denen neunhundert tatsächlich automatisierbar sind und hundert nicht. Aber diese hundert sind die, an die sich der Kunde erinnert, in denen er das Gefühl hatte, dass ihm jemand wirklich zuhört. Ich habe selbst Momente erlebt, wo aus einer Reklamation eine tiefe Kundenbeziehung entstand.

Was bleibt also, wenn die Liste abgearbeitet ist? Meine Standardantwort war: strategische und kreative Arbeit. Und die Führung von Menschen. Das kommt dann immer, wenn Menschen zu erklären versuchen, warum Menschen trotzdem gebraucht werden. Aber eine Strategie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht in den Meetings, die zusammengefasst werden. Oder in den E-Mails, die beantwortet werden. Wenn du das wegnimmst, bleibt keine Strategie übrig. Es bleibt ein Mensch, der in einem Büro sitzt und nicht mehr weiss, worüber er nachdenken soll, weil alle Informationen, die sein Denken füttern, durch Maschinen laufen.

Ich sage nicht, dass nichts automatisiert werden soll. Natürlich macht Automatisierung Sinn, aber manches ist eben langweilig, weil es sich ständig wiederholt. Dummerweise entstehen genau in diesen repetitiven Arbeiten die Fehler. Das kann eine Maschine besser. Aber was bleibt übrig? Das ist keine Nebenfrage. Das ist eine wichtige Frage, die nicht ernst genug genommen wird.

Die ehrliche Antwort auf die Frage, was bleibt, wenn alles automatisiert ist, wäre: Wir wissen es nicht. Niemand hat diese Liste je zu Ende gedacht, weil am Ende der Liste etwas steht, das niemand aussprechen will. Am Ende der Liste steht die Frage, ob es noch Arbeit gibt.

Nicht ob es noch Beschäftigung gibt. Ob es noch Arbeit gibt, die ein Mensch tun muss, weil eine Maschine sie nicht kann. Die Antwort auf diese Frage entscheidet über mehr als Effizienz. Sie entscheidet über die Rolle des Menschen in einer Wirtschaft, die ihn möglicherweise nicht mehr braucht.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.