Wenn aus Leistung Liebe wird
Als Kind denkst du nicht darüber nach. Du suchst. Anerkennung, Wärme, einen Platz. Du bist nicht reflektiert, du bist hungrig. Und wenn von außen etwas kommt, ein Lob, ein Blick, ein “schau mal, was der kann”, dann fühlt sich das an wie ankommen.
Sport. Ein Instrument. Gute Noten. Schau mal, der ist gut. Ich bin stolz auf dich. Sei stolz auf dich. Niemand meint das böse. Es ist richtig, dass man lobt. Aber es baut sich etwas auf, still, Schicht für Schicht. Ich gefalle. Also werde ich geliebt. Also habe ich einen Platz auf dieser Welt. Lob wird Anerkennung wird Liebe wird Ego wird noch mehr Leistung. Aus Leistung wird Liebe. Aus Kontrolle wird Sicherheit. Aus Funktion wird Nähe.
Und wo du nicht gut bist, täuschst du vor, gut zu sein. Wenn der Erfolg ausbleibt, erzählst du, dass es dich nicht tangiert. Aber es ärgert dich. So fängt es an. Enttäuschung aus Erfolglosigkeit. Nicht weil der Erfolg fehlt. Sondern weil mit ihm die Liebe geht.
So funktioniert Mensch sein. Aber wenn man es an sich erkennt, ist man freier.
Irgendwann bist du in Gesprächen und bist schon im nächsten. Du liebst und planst gleichzeitig. Du bist Vater und Manager gleichzeitig. Du hörst zu und rechnest gleichzeitig. Du bist wach. Immer. Überall. Aber du bist nicht da.
Wenn ein Moment kommt, in dem nichts passiert, entsteht keine Ruhe. Es entsteht Leere. Und du verwechselst Leere mit Gefahr. Also füllst du sie. Arbeit. Reize. Die nächste Idee. Der nächste Beweis. Du füllst, bis kein Platz mehr ist. Für nichts und für niemanden. Auch nicht für dich.
Ein Kind schaut dich an. Es erwartet etwas. Eine Rückmeldung. Kritik. Lob. In seinem Blick liegt Angst oder Hoffnung. Siehst du das. Oder bist du voll mit eigenen Gedanken aus dem Job, aus Problemen, und blickst nur zurück und setzt ein Gesicht auf aus dem Standardsortiment an Reaktionen, das du dir zurechtgelegt hast, weil das Kind danach zufrieden war und still.
Ich liebe dich. Drei Wörter. Sie bedeuten: es ist egal, was du tust. Ob gut oder schlecht. Du darfst es selbst bewerten. Es ist immer ok zu sein wie du bist. Ich liebe dich. Immer.
Aber wenn ein Kind Lob und Kritik bekommt statt das, dann übertönt es die innere Stimme. Dann sucht es draußen, was nur drinnen wachsen kann. Und irgendwann sitzt da ein Erwachsener, der funktioniert, liefert, stark ist. Und nicht mehr weiß, wie seine eigene Stimme klingt.
Ich war gestern nicht da. Und wenn ich so weitermache, bin ich morgen auch nicht da.
Die Frage ist nicht, wie du zurückkommst. Oder ob du jemals da warst. Die Frage ist, warst du jemals bei dir so wie du bei deinem Kind sein willst.