Kein Marketingexperte

Dreissig Jahre lang habe ich Menschen geholfen, Dinge zu verkaufen. Produkte, Dienstleistungen, Ideen, manchmal sich selbst. Ich war gut darin. Ich kannte die Mechanismen, die Sprache, die Psychologie. Ich wusste, wie man eine Geschichte so erzählt, dass Leute kaufen. Das war mein Beruf, und ich hatte kein Problem damit.

Dann hatte ich eins.

Es kam nicht über Nacht. Es kam schleichend, über Jahre. Ein Satz in einem Briefing, der nicht stimmte. Eine Kampagne, die ein Problem erfand, das niemand hatte. Ein Versprechen auf einer Website, von dem alle im Raum wussten, dass es nicht haltbar war. Jedes Mal dachte ich: Das ist normal. So funktioniert die Branche. Jeder weiss das. Niemand nimmt das wörtlich.

Aber irgendwann hörte ich auf, das zu glauben.

Marketing, wie es die meisten kennen, basiert auf einer stillen Vereinbarung: Wir übertreiben, und alle wissen das. Das Produkt ist nie so gut wie die Werbung. Die Testimonials sind nie so ehrlich wie sie klingen. Die Zahlen sind nie so eindeutig wie die Grafik suggeriert. Das ist kein Betrug im juristischen Sinn. Es ist etwas Subtileres. Es ist die systematische Verschiebung der Grenze zwischen dem, was ist, und dem, was sich besser verkauft.

Ich habe lange mitgemacht. Nicht aus Zynismus, sondern weil ich dachte, das gehört dazu. Dass professionelles Marketing eben bedeutet, die Realität zu polieren. Dass Ehrlichkeit ein nettes Ideal ist, aber kein Geschäftsmodell.

Dann habe ich angefangen, meine eigenen Texte anders zu lesen. Nicht als Marketingmaterial, sondern als Aussagen. Stimmt das? Würde ich das einem Freund so sagen? Würde ich das unterschreiben, wenn jemand mich beim Wort nimmt? Die Antwort war oft: nein.

Das war der Punkt, an dem ich aufgehört habe, mich als Marketingexperte zu bezeichnen.

Nicht weil Marketing überflüssig wäre. Leute müssen wissen, dass es etwas gibt, das ihnen helfen könnte. Das ist eine wichtige Funktion. Aber die Funktion ist Vermittlung, nicht Manipulation. Der Unterschied ist: Vermittlung sagt, was ist. Manipulation sagt, was du hören willst.

Ich verkaufe jetzt ein Glas Wasser. Wer Durst hat, kommt. Wer keinen hat, nicht. Das klingt naiv. In einer Branche, die auf künstlichem Durst aufgebaut ist, klingt alles naiv, was auf echtem Bedarf basiert. Aber ich habe dreissig Jahre Erfahrung darin, den Unterschied zu erkennen. Zwischen jemandem, der ein Problem hat, und jemandem, dem man eines eingeredet hat. Zwischen einem Produkt, das etwas löst, und einem, das hauptsächlich sich selbst verkauft.

Die meisten Unternehmer, die ich kenne, brauchen kein besseres Marketing. Sie brauchen ein klareres Fundament. Sie brauchen Ehrlichkeit darüber, was sie wirklich anbieten, für wen, und warum. Wenn das steht, wird Marketing einfach. Nicht weil man bessere Tricks kennt. Sondern weil man nichts mehr erfinden muss.

Ich bin kein Marketingexperte mehr. Ich bin jemand, der genug Marketing gesehen hat, um zu wissen, wo es aufhört zu helfen und anfängt zu lügen. Das ist kein Rückschritt. Das ist das Einzige, was nach dreissig Jahren übrig bleibt, wenn man ehrlich Bilanz zieht.