Natur ist kein Designelement

Ich lebe in den Alpen. Berge vor dem Fenster, Wald hinter dem Haus. Wenn ich in eine Stadt fahre, geniesse ich den ersten Tag. Die Menschen, die Cafés, die Baumalleen. Ich beobachte gern, wie Leute sich bewegen, was sie tun, wie sie miteinander umgehen. Das fehlt mir auf dem Land. In der Stadt sind Menschen überall und jeder hat seine Geschichte.

Am zweiten Tag fehlt mir die Natur. Nicht als Idee, nicht als Sehnsucht. Körperlich. Ich werde unruhig und brauche Weite. Das war schon so bevor ich wusste, dass es dafür einen Namen gibt.

Der Name ist Biophilie. Edward O. Wilson hat ihn 1984 geprägt. Er beschreibt die Neigung des Menschen, sich zu lebenden Systemen hingezogen zu fühlen. Wilson hielt das für angeboren. Die Forschung hat ihm in vielen Punkten recht gegeben, in manchen nicht. Dazu komme ich noch.

Was mich reingetrieben hat

Ich habe Concrete Human mitgegründet, eine Fotoausstellung die zeigt, was Gebäude mit Menschen machen. Im Zuge dieser Arbeit habe ich Ann Sussmans Buch gelesen, Studien gesammelt, mich in die Forschung eingelesen. Nicht weil ich Wissenschaftler bin, sondern weil ich etwas verstehen wollte.

Ich beobachte Menschen in Städten und in der Natur. Ihre Stimmungen sind völlig unterschiedlich, momentbezogen, individuell. Jemand sitzt allein auf einer Bank und ist ruhig. Jemand steht in einer Fussgängerzone und sieht erschöpft aus. Eine Gruppe lacht in einem Park. Ein Mann starrt in einem Parkhaus auf sein Telefon.

Ich wollte wissen, ob die Wissenschaft abdeckt, was ich da sehe. Die Antwort ist: teilweise. Sie misst Herzfrequenz, Blutdruck, Cortisol, Hautleitfähigkeit. Sie misst Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit. Was sie weniger gut kann: die Stimmung eines Menschen in einem bestimmten Moment in einem bestimmten Raum vollständig erfassen. Gefühle haben in Messergebnissen oft keinen Platz.

Aber die Teile, die sie misst, sind eindeutig.

Was der Körper tut

Roger Ulrich hat 1991 ein Experiment gemacht (Ulrich et al., 1991, Psychophysiology). 120 Versuchspersonen sahen einen Stressfilm und danach entweder ein Naturvideo oder ein Stadtvideo. Gemessen wurde nicht was die Leute sagten, sondern was ihr Körper tat. Herzfrequenz, Muskelspannung, Hautleitfähigkeit. Vier Indikatoren, alle signifikant. Die Stresserholung war schneller und vollständiger bei Natur. Die Herzfrequenz verlangsamte sich in den ersten vier bis sieben Minuten auf das niedrigste Niveau seit dem Stressfilm. Bei den Stadtvideos beschleunigte sie sich.

Hartig hat 2003 im Feld nachgelegt (Hartig et al., 2003, Environment and Behavior). 112 Probanden, 50 Minuten Spaziergang, die einen durch ein Naturreservat, die anderen durch eine Stadt. Der Naturspaziergang senkte den systolischen Blutdruck um etwa 6 mmHg gegenüber dem Stadtspaziergang. Das entspricht dem Effekt leichter Blutdruckmedikation. Wer danach in einem Raum mit Baumblick sass, dessen Blutdruck sank weiter. Wer in einem fensterlosen Raum sass, nicht.

Das ist keine Stimmung. Das ist Physiologie.

Es geht über Stimmung hinaus

Berman hat 2009 gezeigt, dass Natur nicht nur beruhigt, sondern das Gehirn leistungsfähiger macht (Berman et al., 2008, Psychological Science). 38 Studierende, 50 Minuten Spaziergang, vorher und nachher ein Test für Arbeitsgedächtnis. Der Naturspaziergang verbesserte das Ergebnis um anderthalb Ziffern, der Stadtspaziergang um eine halbe. Dreimal so stark. Und der Effekt war unabhängig von Stimmung, Jahreszeit und Wetter. Das Gehirn arbeitet nach einem Naturspaziergang besser, egal ob man sich dabei gut gefühlt hat oder nicht.

In einem zweiten Experiment reichten Bilder von Natur. Keine echte Natur nötig, nur die visuelle Information. Das Gehirn reagiert auf das Muster, nicht auf den Ort.

Universell

Koivisto hat 2022 eine der wichtigsten neueren Studien publiziert (Koivisto et al., 2022). 316 Personen. Die Frage war, ob die positive Reaktion auf Natur angeboren oder anerzogen ist. Der Effekt war einer der grössten in der gesamten Umweltpsychologie. Naturbilder lösten massiv positivere Emotionen aus als Stadtbilder. Und dann die Analyse: Kindheitserfahrung mit Natur, Persönlichkeit, Alter, Geschlecht. Nichts davon beeinflusste die Reaktion.

Aber die Toleranz gegenüber Städten war gelernt. Menschen die in Natur aufgewachsen sind, finden Städte aversiver.

Ich fand das bemerkenswert. Es deckte sich mit dem was ich beobachte, aber es passte auch nicht ganz. Weil die Studie Emotionen misst und ich Bewusstseinszustände sehe. Ein Mensch der in einem Park meditiert befindet sich in einem anderen Zustand als jemand der in demselben Park joggt. Beide sind in der Natur. Was der Raum mit ihnen macht, hängt davon ab, was sie mitbringen.

Die Grenze der Messung

Ich habe mich früh mit Meditation beschäftigt. Ich kann meinen Bewusstseinszustand innerhalb von Minuten verändern. Es gibt Studien die das messen, Hirnscans die es zeigen. Aber der Gesamtkontext geht dabei verloren. Die Forschung misst Variablen. Das Leben besteht aus Zuständen.

Ich bezweifle nicht, dass die Studien stimmen. Die physiologischen Effekte sind da, die Daten sind sauber. Was ich bezweifle ist, dass Messergebnisse allein erklären können, was ein Raum mit einem Menschen macht. Ein Mensch bringt seine Geschichte mit, seine Stimmung, sein Bewusstsein in diesem Moment. Zwei Menschen im selben Raum erleben etwas Verschiedenes.

Deswegen befasse ich mich mit Ontologie. Nicht um neue Messgrössen zu erfinden, sondern um die bestehenden in Beziehung zueinander zu bringen. Zwischen Wissenschaft und Architektur. Zwischen Messwert und Stimmung. Zwischen dem was ein Raum tut und dem was ein Mensch mitbringt.

Fotografie hilft dabei. Ein Foto zeigt den Raum und den Menschen darin gleichzeitig. Es zeigt den Zwischenraum, den die Wissenschaft hinterlässt.

Die Dosis

White hat 2019 fast 20.000 Erwachsene in England untersucht (White et al., 2019, Scientific Reports). Die Frage war einfach: Wie viel Natur braucht ein Mensch pro Woche?

Die Antwort: 120 Minuten. Darunter kein messbarer Effekt. Darüber 59 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für gute Gesundheit und 23 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für hohes Wohlbefinden. Wie die 120 Minuten verteilt werden ist egal. Ein Besuch von zwei Stunden, zwei von einer Stunde, drei von 40 Minuten. Gleicher Effekt.

Japan hat daraus eine medizinische Praxis gemacht. Shinrin-yoku, Waldbaden. Die Forschung dort geht weiter als in Europa. Bäume setzen flüchtige organische Verbindungen frei, Phytonzide (Li, 2010, Environmental Health and Preventive Medicine). Diese aktivieren natürliche Killerzellen im Immunsystem, die Tumorzellen zerstören. Der Effekt hält mindestens sieben Tage an nach einem Waldaufenthalt.

Die westliche Welt diskutiert noch darüber, ob Natur gut tut. Japan verschreibt sie.

Verantwortung

Natur ist kein Luxus. Die Effekte sind universell, unabhängig von Bildung und Einkommen. Ein Fenster mit Baumblick kostet in der Planung, nicht im Betrieb. Eine Blume kostet nichts.

Natur ist keine Geschmacksfrage. Die Effekte sind physiologisch. Blutdruck, Herzfrequenz, Cortisol, Arbeitsgedächtnis. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Singapur hat seine Bevölkerung um zwei Millionen Menschen vergrössert und gleichzeitig den Grünflächenanteil von 36 auf 47 Prozent erhöht. Die falsche Wahl zwischen Urbanisierung und Natur existiert nicht. Sie existiert nur dort, wo niemand sie in Frage stellt.

Die Verantwortung liegt bei denen, die Städte planen und über Budgets entscheiden. Die Forschung ist da. Die Daten sind da. Die Frage ist, ob jemand sie liest. Und ob jemand daraus Konsequenzen zieht, die über ein paar Bäume am Strassenrand hinausgehen.

Menschen brauchen Natur. Nicht mehr davon. Näher.