Natur ist kein Designelement

Ich bin in den Alpen aufgewachsen und lebe noch immer dort. Ich bin ein Naturmensch und brauche die Berge vor dem Fenster und den Wald hinter dem Haus. Arbeitsbedingt verbringe ich oft ein paar Tage hintereinander in einer Stadt. Den ersten Tag geniesse ich sehr. Ich beobachte die Menschen in den Cafés, ich überlege, ob die Baumalleen schon ausreichend Natur sind und sehe den Leuten weiter bei dem zu, was sie so tun und wie sie miteinander umgehen. Das fehlt mir auf dem Land oft. In der Stadt sind überall Menschen und man will die Geschichten dahinter sehen.

Am zweiten Tag fehlt mir dann die Natur in der Regel. Weniger die offensichtliche Sehnsucht, sondern ich spüre es körperlich. Ich werde unruhig, suche Weite, möchte aus der Enge raus. Das war schon immer so. Aber je mehr ich mir das bewusst mache, desto klarer verstehe ich dieses Bedürfnis, das nicht nur meins ist.

Es gibt sogar einen Namen dafür: Biophilie. Edward O. Wilson hat ihn 1984 geprägt. Er beschreibt die Neigung des Menschen, sich zu lebenden Systemen hingezogen zu fühlen und hielt das für angeboren. Die Forschung hat ihm in vielen Punkten recht gegeben, in manchen nicht.

Was mich antreibt

Gemeinsam mit anderen Menschen, die sich mit diesem Thema intensiv beschäftigen, habe ich die Fotoausstellungsreihe Concrete Human mitgegründet. Wir wollen zeigen, welchen drastischen Einfluss die bebaute Umgebung auf den Menschen haben kann. Und im Zuge dessen habe ich Ann Sussmans Buch gelesen (Cognitive Architecture: Designing for How We Respond to the Built Environment, Sussman & Hollander, 2015), mir Studien angesehen und mich etwas tiefer eingelesen. Nicht, dass mich die Wissenschaft anzieht, sondern weil ich besser verstehen wollte, warum meine Empfindungen in der Stadt, auf dem Land, in Räumen oder in der Natur so sind, wie sie sind.

Beim Beobachten von Menschen in der Natur und im urbanen Kontext fällt mir auf, dass die Stimmungen sich stark voneinander unterscheiden. Und zwar momentbezogen, sehr individuell in den Subkontexten Arbeit, Kommunikation, Konflikte etc. Die Stimmungsbilder von ruhig, gelassen bis gestresst und erschöpft sind unendlich vielfältig. Die eine Gruppe lacht, der Mann am Fussweg starrt auf sein Telefon, alle eng beieinander. Jeder kommt von woanders her und muss woanders hin. Was sehe ich also?

Zunächst wollte ich wissen, ob es Wissenschaft zu dem gibt, was ich da sehe. Es dauerte lange, das zu finden, was ich suchte und meine Antwort war: teilweise. Ich las viel über Herzfrequenz, Blutdruck, Cortisol, Hautleitfähigkeit. Ich las über Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit. Und ich änderte tatsächlich mein Verhalten in vielen Dingen, denn die Erkenntnisse waren für mich als Ü50 teilweise alarmierend. Aber ich sah auch Lücken: wie kann die Stimmung eines bestimmten Menschen mit einer bestimmten Vorgeschichte in einem bestimmten Moment in einem bestimmten Raum und Kontext vollständig erfasst werden. Wo haben die Gefühle ihren Platz. Die Teile die gemessen werden und die, die nicht gemessen werden, werden immer eindeutiger erkennbar. Ich bin kein Wissenschaftler und mir fehlt die Terminologie, das professionell auszudrücken, aber es wird einiges sichtbar. Auch das Unsichtbare bekommt Gestalt. Indem man sieht, dass es nicht so ohne weiteres messbar ist. Dazu habe ich aber andere Essays geschrieben, die meine Sicht dazu tiefer beleuchten.

Was passiert mit dem Körper

Roger Ulrich hat 1991 ein Experiment gemacht (Ulrich et al., 1991, Psychophysiology). 120 Versuchspersonen sahen einen Stressfilm und danach entweder ein Naturvideo oder ein Stadtvideo. Gemessen wurde nicht was die Leute sagten, sondern was in ihrem Körper passierte. Die signifikanten Faktoren waren Herzfrequenz, Muskelspannung, Hautleitfähigkeit. Die Stresserholung war schneller und vollständiger bei Natur. Die Herzfrequenz verlangsamte sich in den ersten vier bis sieben Minuten auf das niedrigste Niveau seit dem Stressfilm. Bei den Stadtvideos beschleunigte sie sich. Ich fühlte mich bestätigt. Ich werde vermutlich nie in eine Stadt ziehen.

Hartig hat 2003 im Feld nachgelegt (Hartig et al., 2003, Environment and Behavior). Mit 112 Probanden, die 50 Minuten spazieren gehen. Die eine Gruppe durch ein Naturreservat, die andere durch eine Stadt. Der Naturspaziergang senkte den systolischen Blutdruck um etwa 6 mmHg gegenüber dem Stadtspaziergang. Das entspricht dem Effekt leichter Blutdruckmedikation. Wer danach in einem Raum mit Baumblick sass, dessen Blutdruck sank weiter. Wer in einem fensterlosen Raum sass, nicht.

Es ist mehr als Stimmung

Berman hat 2009 gezeigt, dass Natur nicht nur beruhigt, sondern das Gehirn leistungsfähiger macht (Berman et al., 2008, Psychological Science). Diesmal machten 38 Studierende einen 50-minütigen Spaziergang. Davor und danach machten sie einen Test für Arbeitsgedächtnis. Der Naturspaziergang verbesserte das Ergebnis um anderthalb Einheiten, der Stadtspaziergang um eine halbe Einheit. Die Natur ist dreimal so stark. Und der Effekt war unabhängig von Stimmung, Jahreszeit und Wetter. Das Gehirn arbeitet nach einem Naturspaziergang besser, egal ob man sich dabei gut gefühlt hat oder nicht.

In einem weiteren Experiment reichten schon die Bilder von Natur. Es war gar keine echte Natur nötig, nur die visuelle Information. Wieder fühlte ich mich bestätigt. Mein Blick aus dem Fenster reicht, auch wenn ich drin sitze und arbeite. Das Gehirn reagiert also auf das Muster, nicht nur auf den Ort.

Die universelle Erkenntnis

Koivisto hat 2022 eine der wichtigsten neueren Studien publiziert (Koivisto et al., 2022). Er analysierte 316 Personen anhand der Frage, ob die positive Reaktion auf Natur angeboren oder anerzogen war. Die Erkenntnis war eine der grössten in der gesamten Umweltpsychologie. Zumindest soweit ich das überblicken konnte. Naturbilder lösten massiv positivere Emotionen aus als Stadtbilder. Und es wurde auch klar, dass Kindheitserfahrung mit Natur, Persönlichkeit, Alter, Geschlecht usw. darauf keinen Einfluss haben. Aber: die Toleranz gegenüber Städten ist erlernbar. Das bedeutet, Menschen, die in der Natur aufgewachsen sind, finden Städte unangenehmer. Sie gewöhnen sich nicht daran, sie werden empfindlicher. Das deckt sich mit dem, was ich erlebe.

Ich fand das alles bemerkenswert, denn es deckt sich mit dem was ich beobachte, passt aber auch nicht ganz. Weil die Studie Emotionen misst und ich die Bewusstseinszustände versuche zu erkennen. Ein Mensch, der in einem Park meditiert, befindet sich in einem anderen Zustand als jemand, der in demselben Park joggt. Beide sind in der Natur. Was dieser natürliche Raum mit ihnen letztendlich macht, hängt davon ab, was sie mitbringen.

Messung hat aus meiner Sicht Grenzen

Schon in meinen frühen Zwanzigern hatte ich mich mit Meditation beschäftigt. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, meinen Bewusstseinszustand innerhalb von Minuten drastisch zu verändern. Und es gibt Studien, die das auch messen können. Zum Beispiel durch Hirnscans. Aber trotzdem geht dabei Kontext verloren. Die Forschung misst die Variablen und trotzdem besteht das Leben nicht nur daraus, sondern aus viel komplexeren Zuständen.

Ich kann die Studien weder qualitativ bewerten und würde sie deshalb auch gar nicht anzweifeln. Die physiologischen Effekte sind da und die Daten dürfen sicherlich als sauber bewertet werden. Allerdings bezweifle ich, dass Messergebnisse allein erklären können, was ein Raum mit einem Menschen tatsächlich macht. Der Mensch bringt seine ganze Geschichte mit, seine Stimmung, sein Bewusstsein in diesem Moment. Zwei Menschen im selben Raum erleben dann logischerweise was komplett Unterschiedliches.

Da ich mich schon länger intensiv mit Ontologie befasse, war mir klar, dass man hier nur genug Hirnschmalz und KI dazufügen muss, um die Unterschiede nuanziert herauszuarbeiten. Keine neuen Messgrössen erfinden, sondern die bestehenden in neue Beziehungen zueinander zu bringen. Zwischen Wissenschaft und Architektur mit all seinen Messwerten und ungemessenen Stimmungen. Zwischen dem, was ein Raum tut und dem was ein Mensch mitbringt.

Eine für mich wichtige Erfahrung war: Fotografie hilft dabei. Denn ein Foto zeigt den Raum und den Menschen darin gleichzeitig und macht diesen Zwischenraum sichtbar, den die Wissenschaft nicht erfasst und unbeantwortet hinterlässt.

Es ist die Dosis

White hat 2019 fast 20.000 Erwachsene in England untersucht (White et al., 2019, Scientific Reports) mit der Frage, wieviel Natur ein Mensch pro Woche denn braucht. Ich wollte die Antwort nicht wahrhaben, ich wollte gar keine Antwort. Aber sie war so stumpf wie klar: 120 Minuten. Darunter gab es keinen messbaren Effekt. Darüber lag die Wahrscheinlichkeit für gute Gesundheit bei 59 Prozent und die Wahrscheinlichkeit für hohes Wohlbefinden war um 23 Prozent höher. Wie die 120 Minuten verteilt werden, ist offensichtlich egal. Ein Besuch von zwei Stunden, zwei von einer Stunde oder drei von 40 Minuten hatten den selben Effekt.

Die Japaner haben daraus eine medizinische Praxis gemacht. Die heisst Shinrin-yoku, das Waldbaden. Das wurde bei Naturmenschen wie mir zunächst belächelt. Aber heute denke ich anders darüber. Denn die Forschung dort geht weiter als in Europa. Bäume setzen flüchtige organische Verbindungen frei, die Phytonzide (Li, 2010, Environmental Health and Preventive Medicine). Diese aktivieren natürliche Killerzellen im Immunsystem, die Tumorzellen zerstören. Der Effekt hält mindestens sieben Tage an nach einem Waldaufenthalt. Der Essay über Waldbaden steht schon auf meiner Liste. Man bekommt den Eindruck, dass die westliche Welt noch darüber diskutiert, ob Natur gut tut, wird sie in Japan verschrieben.

Unsere Verantwortung

Natur ist kein Luxus. Die Effekte treten universell auf und sind unabhängig von Bildung und Einkommen. Ein Fenster mit Baumblick kostet in der Planung wenig. Genauso wenig wie eine Blume auf dem Tisch. Natur ist also keine Geschmacksfrage, denn die Effekte sind physiologischer Natur und können anhand Blutdruck, Herzfrequenz, Cortisol usw. zweifelsfrei gemessen werden. Und das kann man nicht wegdiskutieren.

Das ist ein extremes Beispiel: Singapur hat seine Bevölkerung um zwei Millionen Menschen vergrössert und gleichzeitig den Grünflächenanteil von 36 auf 47 Prozent erhöht. Die falsche Wahl zwischen Urbanisierung und Natur existiert dort nicht. Sie existiert nur dort, wo niemand sie in Frage stellt.

Die Verantwortung liegt bei uns allen, genau hinzusehen. Aber vor allem bei denen, die Städte planen und über Budgets entscheiden. Die Forschung mit ihren Daten ist da und sie muss gelesen werden, damit man daraus Konsequenzen ziehen kann, die über ein paar Bäume neben der Strasse oder den Blumen auf dem Tisch hinausgehen. Denn Menschen brauchen Natur.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.