Dein Körper weiss es vor dir
Ich wandere viel. In den Alpen, wo ich lebe, ist das keine Entscheidung, sondern Alltag. Wenn ich stundenlang gehe, passiert etwas mit mir. Der Körper bewegt sich, die Natur beruhigt die Sinne und irgendwann denke ich nicht mehr. Ich gehe und schaue. Die Blicke, die Eindrücke, das Bachrauschen, der Wind. Das versetzt mich in einen Zustand, den ich brauche, um komplett abzuschalten. Viele Wanderer berichten das Gleiche.
Dann betrete ich eine Hütte. Die Speisekarte kann noch so gut sein. Wenn die Atmosphäre nicht stimmt, bin ich schnell wieder draussen.
Ein Raum ist ein Risiko. Er kann funktionieren oder abstossen. Natur stösst selten ab. Ein Raum schon. Geruch, Lärm, Kälte, Fliessenboden statt Holz, Neonlicht statt Tageslicht, Fettgestank aus der Küche. Meistens ist es die Raumatmosphäre. Man sucht Gemütlichkeit und findet Kühle. Das ist sofort abstoßend.
Wenn die Natürlichkeit im Raum weitergeht, ist es anders. Holz, warmes Licht, ein Kachelofen, eine offene Feuerstelle. Der Zustand bleibt. Der Übergang von draussen nach drinnen ist harmonisch. Aber ein kühler Raum mit harten Kontrasten, modernen Materialien, schwarzweisser Designsprache kippt den Zustand sofort.
In den Skigebieten sehe ich das immer deutlicher. Wo früher Nostalgie war, stehen jetzt zentrale Handy-Ladestationen. Modernität die aus der Stadt kommt. Die Städter fühlen sich wohl, alles funktioniert. Effizienz wird immer relevanter wenn im Alpenraum gebaut wird. Erst war es Massenabwicklung mit Currywurst auf dem Tablett, jetzt kommt modernes Design, offene Räume, viel Licht und noch mehr Effizienz. Verlangsamung, Verweilen, Musse, das tritt in den Hintergrund.
Ich habe mich gefragt, ob das nur meine Empfindlichkeit ist oder ob die Wissenschaft belegt, was ich spüre.
Vier bis sieben Minuten
Roger Ulrich hat 1991 ein Experiment gemacht, das bis heute zu den meistzitierten in der Umweltpsychologie gehört (Ulrich et al., 1991, Journal of Environmental Psychology). 120 Versuchspersonen sahen einen Stressfilm über Arbeitsunfälle. Danach entweder ein Naturvideo oder ein Stadtvideo. Gemessen wurde nicht was die Leute sagten, sondern was ihr Körper tat. Vier Indikatoren gleichzeitig: Herzfrequenz, Blutdruck, Hautleitfähigkeit, Muskelspannung im Gesicht.
Die Hautleitfähigkeit reagierte am schnellsten. Schon in den ersten drei Minuten war der Unterschied signifikant. Nach vier bis sieben Minuten hatten sich alle vier Indikatoren getrennt. Die Naturgruppe erholte sich schneller und vollständiger. Die Herzfrequenz verlangsamte sich auf das niedrigste Niveau seit dem Stressfilm. Bei den Stadtvideos beschleunigte sie sich.
Das Bemerkenswerte war nicht nur die Geschwindigkeit. Die Natur brachte die Probanden nicht einfach auf ihr Ausgangsniveau zurück. Sie brachte sie darüber hinaus. Die Stimmung nach dem Naturvideo war positiver als vor dem Stressfilm.
Wald oder Wasser, viel oder wenig Verkehr
Ulrich hat zwei verschiedene Naturvideos gezeigt. Eines mit Wald, eines mit Wasser. Kein signifikanter Unterschied. Er hat auch zwei Stadtvideos gezeigt. Eines mit viel Verkehr, eines mit wenig. Kein signifikanter Unterschied.
Das bedeutet: Es ist nicht die Intensität die entscheidet. Es ist die Kategorie. Natur oder nicht. Der Körper unterscheidet nicht zwischen Wald und See. Aber er unterscheidet sofort zwischen Natur und Stadt. Egal wie ruhig die Stadt ist.
Ein Zustand wie Meditation
Ulrich hat im Paper eine Vermutung geäussert, die er nicht beweisen konnte aber die mich getroffen hat. Er schrieb, dass Natur möglicherweise einen “meditationsähnlichen Zustand mit offenen Augen” auslöst. Parasympathisch dominiert. Wach, aber tief entspannt.
Ich kenne diesen Zustand. Nicht aus der Theorie, sondern vom Wandern. Nach Stunden in der Natur bin ich wach und gleichzeitig so ruhig, dass jede Störung sofort auffällt. Ulrich hat das 1991 gemessen. Ich habe es seitdem hundertmal erlebt.
36 Korrelationen hat er gefunden zwischen positiven Gefühlen und den Körpermesswerten. Alle in der erwarteten Richtung. Je besser die Stimmung, desto langsamer das Herz, desto niedriger der Blutdruck, desto weniger Hautleitfähigkeit. Der Körper und die Stimmung sprechen dieselbe Sprache.
Was passiert wenn du den Raum betrittst
Zwölf Jahre nach Ulrich hat Terry Hartig das Experiment ins Feld verlegt (Hartig et al., 2003, Journal of Environmental Psychology). 112 Probanden. Die einen spazierten 50 Minuten durch ein Naturreservat, die anderen durch eine Stadt. Vorher und nachher sass jede Gruppe in einem Raum. Die Naturgruppe in einem Raum mit Baumblick. Die Stadtgruppe in einem fensterlosen Raum.
Schon in den zehn Minuten Sitzen passierte etwas. Der diastolische Blutdruck sank signifikant bei denen mit Baumblick. Bei denen ohne Fenster nicht. Dann der Spaziergang. Nach 30 Minuten lag der systolische Blutdruck der Naturgruppe etwa 6 mmHg unter dem der Stadtgruppe. Das entspricht dem Effekt leichter Blutdruckmedikation.
Aber dann passierte etwas Unerwartetes. Als die Probanden umkehrten und zurück zum Labor gingen, näherten sich die Werte wieder an. Der Körper reagierte nicht nur auf die Umgebung. Er reagierte auf die Richtung. Zurückgehen bedeutete: der Naturaufenthalt endet. Der Körper hat das registriert, bevor die Probanden darüber nachdachten.
Zwei getrennte Prozesse
Hartig hat noch etwas gefunden, das wenig bekannt ist. Die Aufmerksamkeit und der Blutdruck entwickelten sich in beiden Umgebungen unterschiedlich. Aber sie korrelierten nicht miteinander.
Das bedeutet: Natur beruhigt den Körper und schärft die Aufmerksamkeit, aber über zwei verschiedene Wege. Und die Aufmerksamkeitsverbesserung kam weniger daher, dass Natur die Aufmerksamkeit verbesserte, sondern daher, dass die Stadt sie verschlechterte.
Wenn ich nach einem langen Wandertag eine Hütte betrete, sind beide Systeme aktiv. Mein Körper ist tief entspannt. Meine Aufmerksamkeit ist geschärft. Ich nehme mehr wahr. Den kalten Boden, das falsche Licht, den Geruch. In der Stadt würde ich das ignorieren, weil meine Aufmerksamkeit schon erschöpft wäre.
Die Wissenschaft hat dafür keinen direkten Beleg. Aber Koivisto hat 2022 gezeigt (Koivisto et al., 2022, Frontiers in Psychology), dass Menschen die in Natur aufgewachsen sind, Städte aversiver empfinden. Mehr Naturerfahrung erhöht die Empfindlichkeit gegenüber nicht-natürlichen Umgebungen. Es senkt sie nicht.
Wut in der Stadt, Ruhe in der Natur
In Hartigs Studie sank die Wut in der Natur und stieg in der Stadt. Die Autoren haben das hervorgehoben, weil Wut klinisch relevant ist. Sie hängt mit Herzkrankheiten zusammen und mit Gewalt. Eine Stadt die Wut erzeugt, erzeugt Krankheit und Konflikt. Ein Naturraum der Wut abbaut, erzeugt Gesundheit und Ruhe.
Die Autofahrt zum Testort war selbst schon ein Stressor. 40 Minuten Fahrt erhöhten den systolischen Blutdruck um fast 8 mmHg. Das war nicht Teil des Experiments. Das war die Anfahrt. Der Alltag.
Die Daten existieren
Ulrichs Paper von 1991 hat über 3.000 Zitierungen. Hartigs Studie gehört zu den meistzitierten Feldstudien der Umweltpsychologie. Die Daten sind nicht neu und nicht umstritten.
Aber Hütten in Skigebieten werden mit Fliessenböden gebaut. Effizienz ersetzt Gemütlichkeit. Kinder sitzen in fensterlosen Klassenzimmern, Mitarbeiter in klimatisierten Grossraumbüros, Patienten in Krankenhäusern ohne Baumblick.
Eltern sollten sich fragen, in welchen Räumen ihre Kinder lernen. Mitarbeiter sollten sich fragen, warum sie nach acht Stunden im Büro erschöpfter sind als nach acht Stunden draussen. Unternehmer sollten rechnen, was Produktivitätsverlust durch schlechte Räume kostet. Investoren sollten rechnen, was Krankheitstage kosten, die durch bessere Gebäude vermeidbar wären.
Der Körper weiss es vor dir. Vier bis sieben Minuten. Die Daten liegen vor und werden ignoriert.