Warum Neurowissenschaft Fotografie braucht

Concrete Human ist eine Fotoausstellung, die ich mitgegründet habe. Sie zeigt, was Gebäude mit Menschen machen. Neurowissenschaft, Architektur und Fotografie zusammen. Warum das zusammengehört, steht hier.

Ich war im Sommer 2025 in einer Fotoausstellung in München. Große Abzüge, schön kuratiert. Aber als ich die Halle verließ, war nichts übrig. Ich konnte mich an kein einziges Bild erinnern. Schöne Bilder, gesehen, weiter.

Auf dem Rückweg habe ich mich gefragt, warum das so war. Die Antwort ist einfach: Die Fotografien hatten keinen Kontext. Kein Problem, das sie sichtbar machten. Keinen Grund, warum sie existieren mussten. Sie waren Kunst ohne Anlass.

Was Daten nicht können

Es gibt Tausende von Studien darüber, wie Gebäude und Städte den Menschen beeinflussen. Deckenhöhe verändert, wie wir denken. Tageslicht bestimmt, wie wir schlafen. Lärm erhöht den Cortisolspiegel. Begrünung reduziert Kriminalität. Die Forschung ist da und sie ist eindeutig.

Sie liegt in Fachzeitschriften, die nur Akademiker lesen. Die Erkenntnisse stecken in Tabellen und p-Werten, die kein Bürgermeister interpretieren kann und kein Investor interpretieren will. Architekten wissen, dass Licht wichtig ist, aber sie können nicht quantifizieren warum. Stadtplaner ahnen, dass Dichte ein Problem ist, aber sie haben keine Sprache dafür, die in einer Gemeinderatssitzung funktioniert.

Das Wissen fehlt nicht. Es ist unsichtbar.

Was ein Diagramm nicht kann

Man könnte sagen: Dann macht eine Infografik. Übersetzt die Daten in Schaubilder. Bunt, verständlich, teilbar.

Das funktioniert auf einer Ebene. Ein Diagramm erzeugt einen Aha-Effekt. Der Betrachter versteht die Information. Aber es ist eine von tausend Informationen an diesem Tag. Morgen ist sie vergessen. Ein Diagramm informiert. Was es nicht tut: berühren.

Die Handlungsnotwendigkeit, die aus Wissen über die gebaute Umwelt folgt, ist keine intellektuelle Einsicht. Man muss fühlen, was ein schlechter Raum mit einem Menschen macht, bevor man bereit ist, etwas daran zu ändern. Gefühle entstehen nicht aus Linien und Balken, egal wie gut sie designed sind.

Was Fotografie kann

Ein Bild eines Mannes, der in einer fensterlosen Betonschlucht auf sein Telefon starrt, sagt mehr als die Studie, die belegt, dass fehlende Sichtverbindung zur Natur den Blutdruck erhöht. Nicht weil das Bild genauer ist. Sondern weil es bleibt.

Fotografie macht Daten greifbar, weil sie emotional berührt. Was berührt, bleibt haften. Was haften bleibt, verändert Verhalten.

Wenn man einen Raum sieht, der Menschen nachweislich krank macht, und man sieht gleichzeitig den Menschen darin, dann versteht man die Dringlichkeit auf einer Ebene, die kein Studienergebnis erreicht. Und für diejenigen, die Datenbanken und architektonische Planung nie verstehen werden, aber trotzdem betroffen sind, schafft Fotografie einen Zugang, der sonst nicht existiert. Bewohner, Bürger, Patienten, Kinder. Sie alle können ein Bild lesen.

Die Zahlen dahinter

Eine Harvard-Studie hat gezeigt, dass bessere Raumluft die kognitive Leistung um 101 Prozent steigern kann. Nicht um ein paar Prozent. Um das Doppelte. Der Kostenfaktor für diese Verbesserung: 14 bis 40 Dollar pro Person im Jahr. Der geschätzte Produktivitätsgewinn: 6.500 Dollar pro Person im Jahr.

90 Prozent der Betriebskosten eines Unternehmens sind Menschen. Nur 10 Prozent sind Miete und Energie. Eine Verbesserung der Arbeitsumgebung um ein Prozent bringt mehr als die gesamte Energieeinsparung eines ökologisch optimierten Gebäudes.

Fehlende Belichtung am Arbeitsplatz kostet 46 Minuten Schlaf pro Nacht und Mitarbeiter. Gebäude, die Menschen krank machen, kosten allein in den USA 150 Milliarden Dollar im Jahr. In Europa gehen 200 Milliarden Euro jährlich durch Fehlzeiten verloren.

Die Zahlen sind da. Solange sie in Tabellen stehen, ändert sich nichts.

Der Unterschied

Ökologisches Bauen ist teuer. Es braucht bessere Materialien, aufwändige Dämmsysteme, Solartechnik, Wärmerückgewinnung. Die Mehrkosten liegen bei 7 bis 9 Prozent. Das ist Technologie. Das kostet Geld.

Menschzentriertes Bauen kostet fast nichts zusätzlich. Deckenhöhe ist eine Entwurfsentscheidung. Fensterplatzierung ist Orientierung, nicht Technik. Blickbezüge zur Natur sind Grundstücksplanung. Akustische Zonierung ist eine Frage der Raumaufteilung, nicht des Budgets. Die Materialien, die gut für den Menschen sind, sind oft dieselben, die ohnehin verbaut werden. Es geht um Zusammensetzung, Proportion, Licht und Luft.

Der Unterschied zwischen einem Gebäude, das Menschen krank macht und einem, das sie gesund hält, ist kein Preisunterschied. Es ist ein Wissenunterschied. Und dieses Wissen muss sichtbar werden.

Die Ausstellung als Analyse

Eine Stadt lässt sich fotografisch dokumentieren. Nicht als Bildband, nicht als Tourismuswerbung. Sondern als Analyse. Jedes Bild ist mit Daten hinterlegt. Eine Ontologie, die das Wissen aus Tausenden von Studien strukturiert, liefert für jede dokumentierte Situation die wissenschaftliche Erklärung: warum sich dieser Platz beklemmend anfühlt. Warum diese Straße Stress auslöst. Warum dieser Park beruhigt.

Die Bevölkerung besucht die Ausstellung und versteht ihre eigene Stadt besser. Politiker bekommen ein Werkzeug, das ihre Entscheidungen erklärbar macht. Planer bekommen Handlungsempfehlungen, die nicht in einer Schublade verschwinden, weil sie öffentlich sichtbar sind.

Die Botschaft an jeden Besucher: Das ist warum Sie sich fühlen wie Sie sich fühlen.

Und dann: So könnte es sein.

Zusammen

Tausende von Forschungsergebnissen erklären, warum Räume heilen oder krank machen. Dieses Wissen hat bisher kaum Wirkung, weil es unsichtbar ist.

Fotografie löst das. Nicht als Illustration und nicht als Dekoration. Als Übersetzung. Sie nimmt das, was in Datenbanken liegt, und macht es zu etwas, das ein Mensch fühlen, verstehen und behalten kann.

Das eine braucht das andere. Ohne Fotografie bleibt die Forschung in der Datenbank. Ohne Forschung bleibt die Fotografie an der Wand. Zusammen entsteht etwas, das Städte verändern kann.