Warum Neurowissenschaft Fotografie braucht
Concrete Human ist eine Fotoausstellung, die ich mitgegründet habe. Sie soll zeigen, welchen Einfluss Gebäude auf den Menschen haben. Die Ausstellung ist eine weltweit einzigartige Kuratierung von Neurowissenschaft, Architektur und Fotografie. Ich möchte hier meine Sicht darstellen, warum diese Gebiete zusammengehören bzw. warum sie einander brauchen.
Im Sommer 2025 besuchte ich eine Fotoausstellung in München. Das Thema war Zivilisation, wie wir heute leben und sie war wunderschön kuratiert. Aber als ich die Ausstellung wieder verliess, war ausser Erinnerungen an einzelne Fotografien nicht viel haften geblieben. Das Thema war so gross, aber der Gesamteindruck hatte es eher verkleinert. Ich hatte schöne Bilder gesehen und ging weiter. Ich konnte mich an schöne Bilder erinnern aber nicht mehr an den Anlass.
Auf dem Nachhauseweg fragte ich mich nach dem Warum. Und die Antwort war nicht kompliziert. Die einzelnen Bilder waren schön kuratiert, aber nicht nach dem Kontext. Der war für mich nicht erkennbar und deshalb machte er nichts sichtbar. Obwohl die Bilder für sich wirklich sehenswert waren. Also Kunst ohne Anlass. Nichts, was man kritisieren muss aber ich hatte etwas mehr erwartet, das ich nach Hause nehmen konnte.
Was Daten nicht können
Es gibt viele Studien darüber, wie Gebäude und Architektur den Menschen beeinflussen. Die Deckenhöhe hat einen Einfluss darauf, wie wir denken und die Menge und Intensität des Tageslichts im Büro bestimmt, wie wir Nachts schlafen. Lärm erhöht den Cortisolspiegel und Begrünung reduziert Kriminalität. Die Forschung ist in vieler Hinsicht sehr eindeutig.
Sie ist in Fachmagazinen nachzulesen. Aber sie werden nur von Akademikern gelesen, denn die Erkenntnisse stecken in Tabellen und es handelt sich um Werte und Ergebnisse, die jetzt nicht zum Tagesgeschäft eines Bürgermeisters gehören und auch kein Investor von grossen Immobilienprojekten interpretieren will. Natürlich wissen Architekten, dass Licht wichtig ist, aber sie nutzen quantifizierte Erkenntnisse nicht in vollem Umfang. Stadtplaner wissen sehr wohl, dass Dichte ein Problem ist, aber die Thematik wird in Gemeinderatssitzungen nicht sonderlich tief behandelt. Ich war selbst in Sitzungen dabei und hatte mir in dem Moment auch keine Gedanken darüber gemacht.
Das Wissen fehlt nicht, aber es bleibt für die meisten unsichtbar. Das ist keine Schuld aber etwas, dass sich ändern muss, wenn man den Menschen ernst nimmt.
Die Grenze von Diagrammen
Man könnte sagen, dann macht Infografiken, tolle Präsentationen, die die Erkenntnisse auch für vermeintliche Laien übersetzen.
Was auch auf gewissen Ebenen funktionieren würde. Denn sie erzeugen sicherlich einen Aha-Effekt und der Betrachter wird mehr verstehen, doch es wird eine weitere von tausend Informationen an diesem Tag bleiben und am nächsten Morgen ist das meiste vergessen. Ein Diagramm, Schaubild und eine bunte Präsentation informiert. Aber was es nicht tut: berühren.
Die Handlungsnotwendigkeit, die aus Wissen über die gebaute Umwelt folgt, ist keine intellektuelle Einsicht. Man muss schlichtweg fühlen, was ein schlechter Raum mit einem Menschen macht, bevor man in der Lage ist, etwas daran zu ändern. Gefühle entstehen nicht aus Linien und Balken, egal wie gut sie gestaltet sind.
Warum Fotografie das ideale Medium ist
Das Bild eines Mannes, der in einer fensterlosen Betonschlucht auf sein Telefon starrt, sagt mehr als die Studie, die belegt, dass fehlende Sichtverbindung zur Natur den Blutdruck erhöht. Nicht weil das Bild genauer ist, sondern weil wenn es ein Gefühl geworden ist, es auch langfristig haften bleibt. Doch es kommt nicht nur auf das einzelne Bild an.
Es geht auch um die Kuratierungen. Wenn Fotografie es schafft, Daten greifbar, fühlbar zu machen, weil sie emotional berühren, dann darf das nicht durch Isolierung, sondern durch den Zusammenhalt des Kontextes, der Kuratierung wieder verloren gehen. Denn was berührt, bleibt haften und verändert damit Verhalten.
Wenn man einen Raum identifiziert, der nachweislich krank macht und gleichzeitig den Menschen und das Leiden darin tatsächlich erkennen kann, dann versteht man die Dringlichkeit. Das kann kein Studienpapier leisten. Und für diejenigen, die Datenbanken und architektonische Planung nie verstehen werden, aber trotzdem betroffen sind, schafft Fotografie einen Zugang, der sonst nicht existiert. Bewohner, Bürger, Patienten, Kinder und die verantwortlichen Entscheider und Planer, sie alle können ein Bild lesen.
Die Zahlen dahinter
Eine Harvard-Studie hat gezeigt, dass bessere Raumluft die kognitive Leistung um 101 Prozent steigern kann. Also nicht um ein paar Prozent. Sondern um das Doppelte. Der Kostenfaktor für diese Verbesserung liegt zwischen 14 und 40 Dollar pro Person im Jahr. Aber der geschätzte Produktivitätsgewinn liegt bei 6.500 Dollar pro Person pro Jahr.
Man muss sich vor Augen führen, dass 90 Prozent der Betriebskosten eines durchschnittlichen Unternehmens die Menschen sind. Nur 10 Prozent sind Miete und Energie. Eine Verbesserung der Arbeitsumgebung um ein Prozent bringt mehr als die gesamte Energieeinsparung eines ökologisch optimierten Gebäudes.
Falsche Beleuchtung am Arbeitsplatz kostet ungefähr eine dreiviertel Stunde Schlaf pro Nacht. Pro Mitarbeiter. Gebäude, die Menschen krank machen, kosten allein in den USA 150 Milliarden Dollar im Jahr. In Europa gehen 200 Milliarden Euro jährlich durch Fehlzeiten verloren.
Die Zahlen sind alle da. Aber solange sie in den Tabellen stehen bleiben, ändert sich nichts. Weil sie keiner liest, geschweige denn versteht.
Der wichtige Unterschied
Ökologisches Bauen wird immer teurer, die Energiekosten steigen gleichzeitig. Es braucht bessere Materialien, aufwändige Dämmsysteme, Solartechnik, Wärmerückgewinnung. Die Mehrkosten liegen bei 7 bis 9 Prozent. Das ist Technologie. Und das kostet viel Geld.
Bauen, das den Menschen ins Zentrum nimmt und seine Produktivität steigert, nennen wir es menschenzentriertes Bauen, kostet fast nichts zusätzlich. Ich mag diesen Satz auch nicht aber er ist viel wahrer als wir es zugeben wollen, weil es Anstrengung erfordert. Sich mit Daten auseinanderzusetzen. Denn Deckenhöhen, Fensterplatzierungen, akustische Zonierung, Materialien etc. sind alles Teil der Entwurfsentscheidungen. Es geht um Zusammensetzung, Proportion, Licht, Luft, Grundstück. Es geht um alles mögliche.
Aber die Grundsatzentscheidungen müssen viel früher getroffen werden. Noch weit vor dem Architekten muss klar sein, für wen baue ich eigentlich. Es geht um den Unterschied zwischen einem Gebäude, das Menschen krank macht und einem, das sie gesund hält. Das ist keine Design- oder Kostenfrage. Das ist ein Wissensunterschied. Und dieses Wissen muss für jeden sichtbar werden.
Die Ausstellung als Analyse
Eine Stadt lässt sich fotografisch dokumentieren, so dass sie aus einer neuen Perspektive sichtbar wird. Nicht als Bildband oder Tourismuswerbung, sondern als Analyse. Jedes Bild folgt einem Datensatz. Grundlage ist ein ontologisches System, das das Wissen aus Tausenden von Studien strukturiert und für jede dokumentierte Situation die wissenschaftliche Erklärung liefert: warum sich ein Platz beklemmend anfühlt, eine Strasse Stress verstärkt und der Park dazwischen trotzdem nicht beruhigt.
Menschen, die diese Ausstellung besuchen, verstehen ihre eigene Stadt besser. Politiker erhalten ein Werkzeug, das ihre Entscheidungsfähigkeit verbessert. Und Planer bekommen ein besseres Verständnis für ihre Verantwortung. Nichts bleibt in einer Schublade versteckt, sondern wird nun öffentlich sichtbar.
Die erste Botschaft für jeden Besucher könnte lauten: hier verstehst du die Gründe, warum du dich so fühlst wie du dich fühlst. Und ausserdem auch, wie es besser sein kann und was dafür getan werden muss.
Zusammenfassung
Tausende von Forschungsergebnissen erklären sehr präzise, warum Räume heilen oder krank machen. Dazwischen ist eine unendlich grosse Grauzone. Das Wissen dahinter hat bisher kaum Wirkung, weil es keiner liest und nur wenige verstehen.
Fotografie hilft dabei, die Dringlichkeit zu betonen. Nicht als Dekoration, sondern als Hilfsmittel, um das, was in den Datenbanken liegt, zu etwas zu machen, was man fühlen, verstehen und behalten kann.
Das eine braucht das andere. Und ohne Fotografie bleibt die Forschung in der Datenbank. Ohne Forschung bleibt die Fotografie ein Wandbild ohne Aussage. Zusammen entsteht etwas, das Städte verändern kann. Für den Menschen.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.