Räume sind nicht neutral

Ein Architekt, der ein Krankenhaus entwirft, fragt nach der Bettenzahl und nach dem Budget. Ok, das ist jetzt stark vereinfacht, aber auf was ich hinaus will ist, ob auch die Frage nach der Menge an Tageslicht, die ein Patient braucht, um schneller gesund zu werden, rechtzeitig oder überhaupt gestellt wird.

Die Antwort gibt es nämlich sehr wohl. Joarder und Price haben sie 2013 publiziert. 100 Lux mehr Tageslicht im Zimmer verkürzen den Krankenhausaufenthalt um durchschnittlich 7,3 Stunden. Das sind Daten aus einer kontrollierten Studie.

Diese Zahl steht in einer Fachzeitschrift und in Online-Journalen. Doch liest die ein Architekt? Sie ist nur eine von Tausenden, die lesenswert sind. Aber allein helfen sie niemandem, weil sie nur eine Variable betrifft. Ein Patientenzimmer hat Licht, Temperatur, Akustik, Materialien, Aussicht, Raumproportionen. Jede davon wirkt auf den Patienten und keine davon wirkt isoliert. Die Forschung zu all dem existiert in großem Umfang aber wurde sie auch für die Praxis zusammengeführt?

Die Zahlen

Patienten in Zimmern mit Blick auf Bäume brauchen weniger Schmerzmittel als Patienten, die auf eine Mauer schauen. Roger Ulrich hat das schon 1984 erforscht. Seine Studie wurde seitdem hundertfach repliziert.

Biophiles Design steigert die kognitive Leistung um 13,9 Prozent. Terrapin Bright Green hat das 2023 berechnet. Biophil heißt: Pflanzen, Holz, Wasser und natürliche Muster im Raum. Also Dinge, die der Mensch aus der Evolution kennt und auf die sein Nervensystem unterstützend reagiert.

Büroarbeiter ohne Fensterplatz schlafen pro Nacht 46 Minuten weniger als ihre Kollegen am Fenster. Die Human Spaces Studie hat das recht detailliert gemessen. Ein Mensch bekommt also 46 Minuten weniger Schlaf, weil jemand den Grundriss so geplant hat, dass sein Platz weg vom Fenster liegt.

Ist die Raumtemperatur zu kühl, sinkt die Leistung um 4 Prozent. Zu warm: minus 6 Prozent. Der Temperaturbereich, in dem ein Mensch produktiv arbeiten kann, ist eng aber er ist technisch durchaus umsetzbar.

Warum das nicht ankommt

Die Ergebnisse sind nach Disziplin sortiert, nicht nach Anwendungsfall. Lichtforschung, Akustik, Raumklima: jedes Thema hat seine eigenen Journale. Wer ein konkretes Gebäude plant, müsste also Hunderte Zeitschriften durcharbeiten, um alle relevanten Studien für sein Projekt und die unterschiedlichen Situationen zu finden.

Ich wage zu behaupten, dass das nur die wenigsten tun. Also werden weiterhin Gebäude für Menschen entworfen, ohne zu wissen, was sie mit den Menschen darin wirklich machen.

Das Prinzip

Ich habe in einem Experiment einen Ausschnitt, wenn auch einen sehr kleinen, der existierenden Forschung in einer Vektordatenbank so strukturiert, dass man für eine konkrete Situation eine belastbare Datenlage bekommt, die konkrete Aussagen und damit Antworten gibt für diejenigen, die diese Lösungen umsetzen.

Eine Abfrage würde mit der Beschreibung des Kontexts beginnen: Was für ein Gebäude, wer nutzt es, wofür, die Umgebung, Intensität usw. Dann den Reiz: Welches Element des Raums ist zu betrachten, das Tageslicht, die Deckenhöhe, die Akustik, die Materialien und so weiter. Das System zeigt dann, welcher Effekt belegt ist, wie stark er ist und aus welcher Studie er stammt.

Ein Kind reagiert anders auf Deckenhöhe als ein Erwachsener. Ein Demenzpatient reagiert anders auf Lärm als ein gesunder Besucher. Ein Büroarbeiter hat andere Bedürfnisse als ein Hotelgast. Die Antwort hängt immer vom Kontext ab.

Klinik

Tageslicht verkürzt die Verweildauer. Natursicht reduziert den Schmerzmittelbedarf. Dazu kommen natürliche Materialien, die den Cortisolspiegel senken, und eine ruhigere Akustik, die den Schlaf verbessert.

Das meiste davon kostet nichts extra. Ob ein Patient aus dem Fenster auf Bäume schaut oder auf eine Mauer, kann der Grundriss oder die Außenplanung entscheiden.

Büro

90 Prozent der Betriebskosten eines Unternehmens sind Personalkosten. Miete und Energie machen zusammen 10 Prozent aus. Eine kleine Verbesserung der Arbeitsumgebung bringt mehr als die komplette Energieeinsparung eines ökologisch optimierten Gebäudes.

Ökologisches Bauen ist wichtig. Aber ob die Raumtemperatur stimmt, ob genug Tageslicht reinkommt, ob die Akustik erträglich ist, das entscheidet darüber, ob Menschen produktiv und zufrieden arbeiten können. Das Feedback, das ich aus vielen Gesprächen mitnahm, ist, dass diese Entscheidungen heute meist auf der Grundlage der persönlichen Erfahrung eines Architekten gefällt werden aber zu selten nach der Wirkung, die sein Entwurf haben sollte.

Die Frage

Es gibt keine allgemeine Empfehlung für “das gute Gebäude.” Biophiles Design steigert die kognitive Leistung um 13,9 Prozent im Durchschnitt. Aber in einem Klassenzimmer für Kinder mit ADHS bedeutet das etwas anderes als in einem Hotelfoyer.

Die Wirkung ist also immer spezifisch. Die Präzision der Antwort steckt nicht in den Durchschnittswerten der Studien, sondern im Kontext, was für ein Raum gebaut wird, wer ihn nutzt und was der Mensch dort tut.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.