Fotoausstellung Concrete Human: Evidenz sichtbar gemacht

Drei Menschen hinter einem Fenster. Zwei Erwachsene, ein Kind mit Locken. Der Raum hinter ihnen ist dunkel, Vorhänge rahmen das Bild. Sie schauen nach draussen. Das ist das Eröffnungsbild der Ausstellung Concrete Human. 36 Fotografien, 22 Gedichte. Menschen in Räumen, die ihnen nicht guttun. Die Bilder zeigen nichts Spektakuläres, nur das, was wir jeden Tag übersehen.

Du betrittst einen Raum und dein Nervensystem hat ihn schon bewertet, bevor du die Decke bemerkst. Licht, Luft, Material, Schall. Hunderte Inputs, verarbeitet in Millisekunden. Das Ergebnis ist ein Zustand, keine Meinung. Entweder dein Körper entspannt sich, oder er fährt hoch. Jeder kennt das.

Die Wissenschaft dazu existiert seit Jahrzehnten. Büroangestellte mit Fenster schlafen 46 Minuten länger als solche ohne. In Wohnanlagen mit Vegetation sinken Gewaltdelikte um 52 Prozent. Rund 100.000 Europäer starben 2012 an Luftverschmutzung in Innenräumen. Die Daten sind da, aber die Bauindustrie baut weiter wie bisher.

An diesem Punkt versagen Berichte. Du kannst eine Studie lesen und nicken. Aber du fühlst nichts dabei. Berichte informieren, sie konfrontieren nicht. Also eine Ausstellung.

Über ein Hausprojekt lernte ich einen Architekten kennen. Durch ihn entwickelte sich eine Idee, die grösser wurde als der ursprüngliche Anlass. Er traf den norwegischen Fotografen André Clemetsen auf einer Architekturkonferenz in Oslo. André wollte Menschen in schlecht gestalteten urbanen Räumen fotografieren. Sichtbar machen, was Gebäude mit Menschen machen. Wir sagten: Das machen wir.

Daraus wurden 36 Fotografien und 22 Gedichte. Die erste physische Ausstellung ist Oslo, Mai 2026.

Vorher war die Frage: Wie zeigt man großformatige Fotografie online? Bilder, die eigentlich an einer Wand hängen müssen, um zu wirken. Ich wollte das selbst herausfinden. Also habe ich die Online-Ausstellung gebaut. 22 Räume, Fullscreen, Cinema-Modus. Am Anfang ein Breathing-Overlay: Sitz bequem. Atme langsam. Lass die Bilder kommen. Die Bilder kommen zum Betrachter, nicht umgekehrt. Kein Scrollen, kein Klicken, kein Museum-Interface. Ein Format, das ich so noch nie umgesetzt hatte. Es hat Spass gemacht.

Fotografie, die Räume zeigt, ist nie neutral. Was André macht, ist künstlerisch absichtsvoll. Er fängt Stimmung ein, er inszeniert sie. Dorothea Lange hat das in den 1930ern mit der Armut gemacht. Walker Evans auch. Grosse Fotografie zeigt nicht, was ist, sondern was du sonst übersehen würdest.

Mich selbst hat das Thema über einen anderen Weg gefunden. Ich habe Häuser gebaut, Büros eingerichtet, dabei alles falsch gemacht. Teure Möbel gekauft, weil ich dachte, das sei die Lösung. Es war nie die Lösung. Die Atmosphäre machts. Du gehst in einen Raum und willst dort sein. Du gehst in einen anderen und hast nur einen Gedanken: raus hier. Irgendwann habe ich angefangen, das zu verstehen. Nicht als Architekt, sondern als jemand der darin lebt.

Parallel dazu seit Jahrzehnten eine Beschäftigung mit Bewusstsein. Sri Aurobindo, “Das Abenteuer des Bewusstseins”. Bewusstsein passiert innen. Ein stabiler innerer Zustand macht die Aussenwelt weniger wichtig. Aber der Zustand ist nicht unangreifbar. Ein Raum kann ihn stärken oder schwächen, kann mit dir arbeiten oder gegen dich. Meistens merkst du nicht, was gerade passiert.

Ich löse im Projekt eher die konzeptionellen und strategischen Aufgaben. Ausserdem übersetze ich die Wissenschaft datenbasiert in Lösungen. Ich baue die Brücke zwischen den harten Fakten der Forschung und dem, was der Mensch fühlen soll. Ist er bedrückt, betroffen, begeistert, motiviert. Erst die Daten, dann die Schlussfolgerungen. Die Hauptaufgabe ist, die richtigen Daten für die entsprechende Aufgabe zu finden und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Über das Projekt lernten wir Daiana Zamler kennen, Architektin und promovierte Forscherin für die Wirkung gebauter Räume, und Ola Elvestuen, den früheren norwegischen Umweltminister. Verschiedene Leute, dasselbe Unbehagen: Wir wissen, was Räume mit Menschen machen, und bauen trotzdem so, als wüssten wir es nicht.

90 Prozent unseres Lebens verbringen wir in Gebäuden. Die Bauindustrie denkt in Quadratmetern und Rendite. Der Mensch darin ist eine Nutzungsannahme in einer Excel-Tabelle.

Concrete Human ist eine visuelle Konfrontation. Die Hoffnung ist, dass jemand vor einem dieser Bilder steht, den Druck spürt, den dieser Raum auf den Menschen darin ausübt, und anfängt, die eigenen vier Wände anders zu sehen.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.