Die offene Tür

Ich öffne einen Ordner auf meinem Rechner. Direkt auf der Festplatte. Der Agent braucht Zugriff, also gebe ich ihn. Er liest Dateien, verarbeitet sie, schreibt Ergebnisse zurück. Während er das tut, baut er andere Agenten. Die laufen parallel, jeder mit einer Teilaufgabe. Zehn, fünfzehn Prozesse gleichzeitig. Minuten später liegt ein Ergebnis vor, für das ich Tage gebraucht hätte. Das ist der Wahnsinn. Und gleichzeitig: Die Tür steht offen.

Agentic AI ist kein Chatbot. Bei einem Chatbot tippst du eine Frage, bekommst eine Antwort, und der Vorgang ist abgeschlossen. Agentic AI funktioniert anders. Du gibst eine Aufgabe, und das System zerlegt sie. Es entscheidet, welche Schritte nötig sind und welche Werkzeuge es braucht. Es baut Agenten für Teilaufgaben. Jeder Agent arbeitet eigenständig. Wenn ein Agent auf ein Problem stösst, das er nicht lösen kann, baut er den nächsten. Das ganze Ding skaliert sich selbst.

Das klingt nach Zukunftsmusik oder nach Konzerninfrastruktur. Es ist keins von beidem. Ich bin ein einzelner Anwender mit einem Abo. Ohne IT-Team und ohne eigene Server. Was ich damit mache: Ich habe eine komplette Website gebaut. 91 Essays, zwei Sprachen, Design, Deployment. Ich habe eine wissenschaftliche Datenbank mit über 60.000 Einträgen aufgebaut und verarbeitet. Ich habe Bücher analysieren lassen und aus den Ergebnissen Texte generiert. In Wochen, nicht in Monaten. Die Geschwindigkeit und die Präzision sind real. Meistens jedenfalls.

Denn es gibt eine Kehrseite, die im Hype untergeht. Agenten treffen Entscheidungen. Sie müssen, weil sie autonom arbeiten. Und manchmal treffen sie die falschen. In meinem Fall haben Agenten bestehende Texte überschrieben, die schon fertig waren. Das Original war weg. Nicht im Papierkorb, nicht in einer Versionshistorie. Weg. Also rückgängig machen und von vorne anfangen. Die Zeitersparnis war in dem Moment keine.

Du kannst einen laufenden Agenten-Prozess nicht korrigieren. Du kannst ihn stoppen, aber nicht reparieren. Wenn Agent 12 von 15 einen Fehler macht, kannst du nicht in Agent 12 eingreifen und sagen: Mach das anders. Du kannst den ganzen Lauf abbrechen und neu starten. Korrektur im laufenden Betrieb gibt es nicht. Du delegierst Kontrolle, und du bekommst sie nicht zurück, bis der Prozess durch ist oder du den Stecker ziehst.

Das ist bei kleinen Aufgaben kein Problem. Bei grossen schon. Und die Aufgaben werden grösser, weil das System dich einlädt, grösser zu denken. Du fütterst es mit mehr Daten, gibst ihm mehr Kontext, lässt es mehr tun. Ein Chatbot bekommt einen Absatz Text und eine Frage. Ein Agent bekommt Zugriff auf einen Ordner. Das ist ein grundlegend anderer Zugriff.

Und genau hier liegt die Frage, die niemand laut genug stellt. Die Tür die ich öffne, öffne ich für einen Agenten. Aber wer kommt noch durch? Meine Dateien liegen auf meinem Rechner, aber der Agent verarbeitet sie über die Server eines amerikanischen Unternehmens. Was dort mit meinen Daten passiert, weiss ich nicht. Nicht weil ich es nicht nachlesen könnte, sondern weil die Menge dessen was durchfliesst, eine andere Dimension hat.

Ein Google-Suchbegriff war ein Wort. Ein ChatGPT-Prompt ist ein Absatz. Ein Agenten-Schwarm verarbeitet tausende Dateien in einer Sitzung. Texte, Notizen, Ordnerstrukturen, Strategie-Dokumente. Was der Agent braucht, bekommt er. Und es verlässt meinen Rechner.

Jetzt stell dir vor, das macht ein Mitarbeiter in einem Unternehmen. Alles reinwerfen, sich über das Ergebnis freuen, Feierabend. IT weiss von nichts, Compliance weiss von nichts. Die Daten sind draussen. Das ist kein hypothetisches Szenario. Das passiert jetzt, in tausenden Büros. Agentic AI ist schneller als jede Sicherheitsrichtlinie.

Ich sage das nicht als Warnung. Ich sage das als jemand, der die Tür jeden Tag öffnet und jedes Mal weiss, dass er es tut. Es geht nicht darum, ob man Agentic AI nutzen sollte. Es geht darum, ob wir verstehen, was wir tun, wenn wir sie nutzen. Und ob die Geschwindigkeit, mit der Agenten entstehen und sich vermehren, uns die Zeit lässt, das herauszufinden.

Ich bezweifle es. Aber ich nutze es trotzdem. Jeden Tag.