Was der Raum mit dir macht
Von aussen sah es ansprechend aus. Das Schaufenster schön beleuchtet, warme Farben, ich wollte da rein. Ich zögerte beim Öffnen der Tür, weil ich nicht wollte, dass sich das Bild der Harmonie aus dem Schaufenster als Illusion herausstellte. Denn beim Betreten eines Ladens spüre ich in der Regel binnen Millisekunden, ob ich willkommen bin oder nicht.
In Büros, Bibliotheken, Konferenzräumen, Hotels und auch in meinem Schlafzimmer ist es dasselbe. Jeder Raum macht etwas mit mir, er unterstützt mich oder er bremst mich aus. Meistens bemerke ich es nicht bewusst, aber mein Körper reagiert trotzdem.
Ich hatte lange den Verdacht, dass das nicht nur Einbildung ist und dass Räume tatsächlich steuern, wie wir denken, fühlen und handeln. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret und messbar. Und der Verdacht stimmt. Es gibt ein ganzes Forschungsfeld dafür und es heisst Neuroarchitektur.
Zakaria Djebbara hat an der Aalborg University in Dänemark gezeigt, dass Räume Handlungen neuronal vorbereiten, noch bevor wir eine bewusste Entscheidung treffen. Das Gehirn spürt den Raum und aktiviert Handlungsmuster. Du entscheidest also nicht alleine, wie du dich in einem Raum verhältst, der Raum entscheidet mit. Ann Sussman hat mit Eye-Tracking nachgewiesen, dass wir Räume unbewusst scannen und innerhalb von Millisekunden auf visuelle Strukturen reagieren. Es geht hier nicht um das, was wir bewusst sehen, sondern was in uns unbewusst und im Nervensystem passiert.
Und dann ist da die Forschung zu Grossraumbüros. Hunderte von Studien, zusammengefasst in systematischen Reviews, und das Ergebnis ist ziemlich einheitlich: Grossraumbüros verschlechtern Konzentration, Gesundheit, Zufriedenheit und Leistung. In einer Studie von Banbury und Berry gaben 99 Prozent der Befragten an, dass Bürolärm ihre Konzentration beeinträchtigt. Das Ironische daran ist, dass Grossraumbüros eigentlich gebaut werden, um Zusammenarbeit zu fördern. Aber die Forschung zeigt, dass die wenigen positiven Effekte auf Kommunikation durch die negativen Auswirkungen auf Konzentration und Privatsphäre komplett aufgefressen werden.
Ich will arbeiten und kann mich nicht konzentrieren, nicht weil ich undiszipliniert bin, sondern weil der Raum akustisch offen ist, visuell unruhig und keine Zone für fokussiertes Arbeiten bietet. Ich will mit Menschen reden, aber die Atmosphäre ist nicht für Kommunikation gemacht, weil harte Oberflächen, schlechte Akustik und fehlende Nischen vertrauliche Gespräche unmöglich machen.
Das ist keine Einbildung, das ist Physiologie. Deckenhöhe beeinflusst kognitive Verarbeitung, Licht den Hormonspiegel und Lärm die Fähigkeit, komplexe Gedanken zu Ende zu denken. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen einer Bedrohung durch einen aggressiven Menschen und einer Bedrohung durch einen Raum, der zu laut, zu eng oder zu unruhig ist.
Plantronics hat in seinem Büro in Swindon vier Zonen eingeführt: Communication, Collaboration, Concentration und Contemplation. Jede Zone ist für eine bestimmte Tätigkeit gestaltet und das Ergebnis war bemerkenswert. Die Abwesenheitsrate sank von 12.7 auf 3.5 Prozent und Zufriedenheit stieg von 61 auf 85 Prozent. Es braucht also nicht immer teure Motivationsprogramme, sondern neurophysiologisch durchdachte Raumgestaltungen.
Was mich an der Forschung überrascht hat, ist nicht, dass Räume wirken, das habe ich immer gespürt. Überrascht hat mich, wie wenig dieses Wissen angewendet wird. Architekten lernen Statik, Materialkunde und Baurecht, aber was ein Raum mit dem Nervensystem des Menschen macht, ist anscheinend in den Lehrplänen stark unterrepräsentiert.
Bei mir hat sich der Verdacht erhärtet, dass die meisten Räume, in denen wir arbeiten, lernen, heilen und leben, nicht konsequent durchdacht sind. Sie sind für Budgets gebaut, für Grundrisse, für Bauvorschriften. Der Mensch, der den Raum benutzt, kommt in der Planung vor, aber sein Nervensystem nicht. Die Forschung und die Evidenz sind da. Was fehlt, ist die Übersetzung in die Praxis und jemand, der den Architekten, Bauherren und Unternehmen erklärt, welche Bedeutung die Neurowissenschaft für die Leistungsfähigkeit ihrer Gebäude hat.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.