Warum Architekten immer bei null anfangen
Ein Fensterabschluss an der Westseite. Wetterseite. Regen, Wind, das volle Programm. Der Architekt zeichnet ein Detail. Die Zimmerer zeichnen es nochmal. Es wird gebaut. Danach kommt Wasser rein.
Das ist kein Einzelfall. Das ist der Normalzustand. In der Architektur wird jedes Detail für jedes Gebäude neu gezeichnet. Jede Lösung wird neu erfunden. Nicht weil das Problem neu ist, sondern weil es kein System gibt, bestehende Lösungen weiterzugeben.
Ein Architekt in Zürich löst ein Belüftungsproblem für ein Gebäude an einem Hang. Die Lösung funktioniert. Sie verschwindet in seiner Schublade. Ein Architekt in Porto hat dasselbe Problem. Er zeichnet von vorne. Vielleicht kommt er auf dieselbe Lösung. Vielleicht nicht. Vielleicht kommt bei ihm auch Wasser rein.
Bauherren schauen auf Pinterest und sehen genau, was sie wollen. Aber sie haben keine Pläne dafür. Die Vorstellungen sind konkret, das Detail bleibt ein Geheimnis. Zwischen der Idee auf dem Bildschirm und dem fertigen Gebäude liegt ein Prozess, der jedes Mal von vorne beginnt.
Vom Status quo profitiert niemand. Architekten verbringen Stunden mit Detailzeichnungen, die andere längst gelöst haben. Bauherren bezahlen für Arbeit, die nicht hätte sein müssen. Und am Ende funktionieren Lösungen trotzdem nicht, weil sie unter Zeitdruck neu erfunden wurden statt aus bewährten Vorlagen entwickelt.
Die Frage, die mich beschäftigt: Warum gibt es keinen Marktplatz dafür?
Im Maschinenbau ist das seit hundert Jahren gelöst. Niemand erfindet ein Kugellager neu. Es gibt Normen, Kataloge, standardisierte Komponenten. Ein Ingenieur in Stuttgart löst ein Lagerproblem, und ein Ingenieur in Seoul kann dieselbe Lösung spezifizieren, ohne sie nachzuzeichnen.
In der Software ist es genauso. Open-Source-Bibliotheken, APIs, Module. Niemand programmiert einen Login-Bildschirm von Grund auf. Du nimmst eine Lösung, die funktioniert, und baust darauf auf.
In der Architektur gibt es das nicht. Es gibt keine Plattform, auf der ein Architekt seinen gelösten Fensterabschluss hochladen kann, mit CAD-Daten, Materialliste, Kontextbeschreibung, und andere können ihn lizenzieren, anpassen, verwenden.
Der Grund dafür war lange technisch: Wie schützt du intellektuelles Eigentum an einer Zeichnung? Wie stellst du sicher, dass der Urheber fair bezahlt wird? Wie verhinderst du einfaches Kopieren?
Als der Tokenization-Trend aufkam und IP-Schutz auf der Blockchain plötzlich ohne aufwendige Infrastruktur möglich wurde, hat sich die Ausgangslage verändert. Smart Contracts können Lizenzmodelle automatisieren. Digitale Signaturen schützen Urheberschaft. Transaktionen sind nachvollziehbar.
Die Technologie ist da. Was fehlt, ist das Umdenken.
Architektur versteht sich als Einzelanfertigung. Jedes Gebäude einzigartig, jeder Entwurf ein Unikat. Und ja, das Gebäude als Ganzes ist einzigartig. Aber die Details sind es nicht. Ein Fensteranschluss ist ein Fensteranschluss. Eine Lösung für Schallschutz zwischen zwei Wohnungen folgt physikalischen Gesetzen, nicht künstlerischer Freiheit.
Wenn Architekten ihre gelösten Details, Konstruktionen und Entwurfsmodule als lizenzierbare Bausteine zur Verfügung stellen könnten, entstünde ein neues Ökosystem. Der Architekt in Zürich verdient an seiner Belüftungslösung, auch wenn er das Gebäude in Porto nie gesehen hat. Der Architekt in Porto spart Wochen an Detailplanung und kann sich auf das konzentrieren, was wirklich einzigartig ist: den Entwurf als Ganzes.
Ein globaler, interkultureller Austausch von architektonischem Wissen. Nicht als Kopie, sondern als Weiterentwicklung. Nicht als Ersatz des Architekten, sondern als Befreiung von der Sisyphusarbeit, die ihn davon abhält, das zu tun, was er am besten kann.
Die Architektur ist eine der letzten grossen Branchen, die ihre Detaillösungen wie Geschäftsgeheimnisse behandelt. In einer Welt, in der Wissen geteilt wird, um zu wachsen, ist das ein Anachronismus. Die Frage ist nicht ob sich das ändern wird. Die Frage ist wann.