Warum Architekten immer bei null anfangen

Es ging ewig um diesen Fensterabschluss und mein Architekt zeichnete und zeichnete, stimmte sich mit dem Zimmerer ab, der alles natürlich ganz anders sah und mit weiteren Zeichnungen konterte. Gut, es handelte sich um die Wetterseite in einer Region mit viel Regen und ab und zu mal Wind, aber es war nicht nur mein Vertrauen in die beiden, das mit jedem weiteren Strich dramatisch sank, sondern auch die Frage, ob wir hier gerade Neuland betreten und dieses Problem mit globaler Tragweite als absolute Pioniere der Wetterseiten zum ersten Mal versuchen zu lösen. Das Beste war allerdings: Es kam Wasser rein, und zwar beim ersten Regen mit mässigem Wind, noch weit entfernt von Sturmstärke. Der Echtholzboden litt sichtbar. Architekt und Zimmerer begutachteten den Schaden und schüttelten ungläubig die Köpfe. Mein Kopf schäumte. Ich hatte es irgendwie geahnt und mich doch nicht durchgerungen zu fragen, ob dieses Problem nicht schon woanders fachmännisch gelöst wurde und wir uns dieser Lösung vielleicht hätten bedienen können.

Es war ein Schaden und ich sah ein Systemproblem. In der Architektur wird augenscheinlich jedes Detail für jedes Gebäude neu gezeichnet, weil es kein System gibt, bestehende Lösungen weiterzugeben.

Wenn ein Architekt in Nordengland ein Fensterdetail für ein Gebäude mit ausgesetzter Wetterseite löst und die Lösung funktioniert gut, warum versandet sie im Dateisystem seines Rechners und niemand sonst bekommt sie je zu sehen. Ein Architekt in Süddeutschland kämpft mit dem gleichen Problem und zeichnet alles von vorne. Ob er auf dieselbe Lösung kommt oder ob bei ihm Wasser reinkommt, ist dann reiner Zufall.

Bauherren lassen sich auf Pinterest inspirieren und haben die Auswahl, aber keine Umsetzungspläne dafür. Die Vorstellungen sind oft sehr konkret, das Detail dahinter bleibt aber meist versteckt. Zwischen der Idee auf Pinterest und dem fertigen Gebäude liegt ein Prozess, der jedes Mal von vorne beginnt, obwohl die meisten Schwierigkeiten darin schon bestimmt hundertfach gelöst wurden. Und sollte sich meine Erfahrung bestätigen: immer wieder von vorne.

Davon hat niemand was, weil Architekten Stunden mit Detailzeichnungen verbringen, die andere längst gelöst haben und Bauherren dafür bezahlen. Und wenn dann Lösungen trotzdem nicht funktionieren, liegt es meistens daran, dass sie unter Zeitdruck neu erfunden wurden.

Seitdem lässt mich die Frage nicht los, warum es keinen Online-Marktplatz gibt, an dem Architekten ihre gelösten Details teilen und andere sie verwenden können.

Status quo vs. Marktplatz für architektonisches Wissen

Jedes Gebäude ist einzigartig, jeder Entwurf ist immer ein Unikat, der Architekt kann höchstens seine unverwirklichten Pläne wieder aus der Schublade ziehen, aber mehr Austausch habe ich ehrlich gesagt nie gesehen. Ich habe drei Häuser gebaut. Immer die gleiche Vorgehensweise. An der Detailkomplexität hat es auf keinen Fall gelegen. Ein Fensterabschluss ist ein Fensterabschluss und eine Lösung für Schallschutz zwischen zwei Wohnungen folgt physikalischen Gesetzen, da gibt es wenig künstlerische Freiheit.

Im Maschinenbau ist das gefühlt seit hundert Jahren gelöst. Niemand erfindet ein Kugellager neu, weil es Normen, Kataloge und standardisierte Komponenten gibt. Gut, die gibt es in der Architektur von Systemanbietern auch, aber da liegt das nächste Problem. Es gibt Hersteller-Portale oder von Herstellern gesponserte Portale, aber keinen freien Austausch, der hersteller- oder systemübergreifend Lösungen zur Weiterverwendung oder zum Erwerb anbietet. In der Software ist es auch besser gelöst. Open-Source-Bibliotheken, APIs, Module. Niemand programmiert einen Login-Bildschirm von Grund auf, sondern nimmt eine Lösung, die funktioniert und baut darauf auf. In der Architektur gibt es keine Plattform, auf der ein Architekt seinen gelösten Fensterabschluss mit CAD-Daten, Materialliste und Kontextbeschreibung hochladen kann, damit andere ihn lizenzieren, anpassen und verwenden können.

Der Grund dafür ist bestimmt auch technischer Natur. Wie schützt man intellektuelles Eigentum an einer Zeichnung, wie stellt man sicher, dass der Urheber fair bezahlt wird und wie verhindert man einfaches Kopieren. Als der Tokenization-Trend aufkam und IP-Schutz auf der Blockchain plötzlich ohne aufwendige Infrastruktur möglich wurde, hat sich die Ausgangslage verändert. Smart Contracts können Lizenzmodelle automatisieren, digitale Signaturen schützen Urheberschaft und Transaktionen sind nachvollziehbar. Die Technologie dafür existiert also längst, aber die Branche muss sich modernen Handelsansätzen öffnen.

Wenn Architekten ihre gelösten Details, Konstruktionen und Entwurfsmodule als lizenzierbare Bausteine zur Verfügung stellen könnten, würde etwas ganz Neues entstehen. Der Architekt in Nordengland verdient an seiner Fensterdetail-Lösung, auch wenn er das Gebäude in Süddeutschland nie gesehen hat. Der Architekt in Süddeutschland spart Wochen an Detailplanung und kann sich auf das konzentrieren, was wirklich einzigartig ist, nämlich ein rundum ausentwickeltes Gebäude, wo kein Wasser reinkommt.

Was wirklich fehlt ist ein globaler Austausch von architektonischem Wissen, bei dem es nicht um Kopien geht, sondern um Weiterentwicklung. Und bei dem der Architekt von der Sisyphusarbeit befreit wird, die ihn davon abhält, das zu tun, was er am besten kann.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.