Was Gebäude kosten 2/3: Wer zahlt?
Die Anna-Lindh-Grundschule in Berlin-Wedding hatte zwölf Jahre lang Schimmel. 750 Kinder. Über die Jahre wurden 20 Klassenzimmer und schliesslich ein ganzer Gebäudeflügel gesperrt. Die Sanierung kostet rund 60 Millionen Euro, mehr als ein Neubau hätte gekostet.
Die Sanierung zahlt der Bezirk. Atemwegserkrankungen bei den Kindern gehen an die Krankenkassen. Eltern, die ihre Kinder woanders unterbringen müssen, tragen den Unterrichtsausfall selbst. Der Bauherr, der das Gebäude so geplant hat, dass Feuchtigkeit eindringen konnte, ist aus der Rechnung längst verschwunden.
So läuft es fast immer. Der Bauherr entscheidet über die Luftqualität in einem Gebäude. Wenn die Entscheidung falsch ist, zahlt jemand anderes.
Die Rechnung
Die WHO hat 2015 berechnet, was schlechte Luft in Gebäuden Europa kostet: 1,6 Billionen US-Dollar im Jahr (WHO Europe, 2015). In zehn von 53 Ländern der europäischen WHO-Region übersteigen diese Kosten 20 Prozent des BIP. Das Geld fliesst in Behandlungen und Arbeitsausfälle. In der Baukalkulation taucht davon nichts auf.
Joseph Allen von der Harvard School of Public Health hat die Rechnung an einem Beispiel durchgemacht. Eine Verdopplung der Frischluftrate in einem Bürogebäude kostet 10 bis 40 Dollar pro Person und Jahr. Der Produktivitätsgewinn liegt bei 6.500 Dollar pro Person und Jahr (Allen et al., 2016, Environmental Health Perspectives). Verhältnis 1 zu 163.
Die 40 Dollar zahlt der Bauherr. Aber der Produktivitätsgewinn landet beim Arbeitgeber und die Krankheitskosten bei der Krankenkasse. Der Bauherr hat keinen Anreiz, mehr auszugeben als das Minimum. Allen nennt das einen Split Incentive.
In seinem Buch beschreibt er ein Krankenhaus, das Millionen für eine Legionellen-Klage bezahlt hatte. Als man vorschlug, 20.000 Dollar in Prävention zu stecken, lehnte die Verwaltung ab. Die Klage war von der Haftpflichtversicherung bezahlt worden. Die 20.000 Dollar hätten aus einem anderen Budget kommen müssen.
Das Muster
Die Ökonomen nennen das eine Externalität: Der Verursacher trägt die Kosten nicht.
Das ist das gleiche Muster wie bei Tabak. Fünfzig Jahre lang haben die Konzerne die Gesundheitskosten auf die Allgemeinheit abgewälzt, bis der Master Settlement Agreement von 1998 sie 206 Milliarden Dollar kostete (Ausness, 1998, Southwestern University Law Review).
Aber die engere Parallele zu Gebäuden ist Bleifarbe, weil sie direkt in der Wand steckt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert war bekannt, dass Bleifarbe Kinder schädigt. Das Verbot kam 1978. Siebzig Jahre dazwischen, in denen die Hersteller nie an Sanierungskosten oder Behandlung beteiligt wurden. Die Kosten fielen auf Familien und öffentliche Kassen. Der wirtschaftliche Nutzen der Beseitigung: über 8 Billionen Dollar in vierzig Jahren. Jeder investierte Dollar brachte zwischen 17 und 221 Dollar zurück (PMC, Environmental Health Perspectives, 2009).
Warum Gebäude eine Ausnahme sind
Für Aussenluft gibt es das Verursacherprinzip: Wer Schadstoffe ausstösst, zahlt. Das ist EU-Recht seit dem Vertrag von Lissabon. Für die Luft in Gebäuden gibt es nichts Vergleichbares. Aussenluft ist ein öffentliches Gut. Innenraumluft gilt als Privateigentum. Sie befindet sich innerhalb der Wände einer Wohnung oder eines Büros. Niemand empfindet sie als gemeinsame Ressource (Environmental Health Perspectives, 2007).
Deshalb gibt es Grenzwerte für Autoabgase, aber keine für die Luft in Klassenzimmern.
Was es kostet
Das britische Building Research Establishment hat 2021 berechnet, was schlechte Gebäude den National Health Service kosten: 1,4 Milliarden Pfund im Jahr. 2,6 Millionen Wohnungen in England, elf Prozent des Bestands, gelten als gesundheitsgefährdend. Die Zahl wurde im britischen Parlament zitiert (BRE, 2021).
Frankreich hat berechnet, was schlechte Innenraumluft das Land kostet: 19 Milliarden Euro im Jahr, ein Prozent des BIP (ANSES/OQAI, Kopp et al., 2016). Für Deutschland gibt es keine vergleichbare Berechnung. Solange niemand die Kosten beziffert, gibt es keinen politischen Druck zu handeln.
Ich bin auf dieses Muster nicht gestossen, weil ich danach gesucht habe. Ich habe für Concrete Human, eine Fotoausstellung über die Wirkung gebauter Räume auf Menschen, angefangen, Studien zu sammeln. Hunderte, dann Tausende. Irgendwann habe ich ein System entwickelt, um diese Masse zu ordnen und nutzbar zu machen. Nicht die einzelnen Ergebnisse waren überraschend. Was mich überrascht hat, waren die Lücken. Frankreich hat eine nationale Berechnung. Grossbritannien hat eine. Für Deutschland habe ich keine gefunden. Entweder die Zahlen existieren und niemand geht damit raus, oder es weiss tatsächlich keiner, was schlechte Gebäude das Gesundheitssystem kosten. Beides wäre bemerkenswert. Und je tiefer ich gegraben habe, desto mehr hat sich der Verdacht erhärtet, dass niemand die Frage stellt, wer eigentlich für die gesundheitlichen Folgen von Gebäudeentscheidungen aufkommt. Am wenigsten fragt jemand für Kinder, die den grössten Teil ihrer Zeit in Schulgebäuden verbringen und die geringste Lobby haben.
2023 schrieben sechs ehemalige US Surgeon Generals einen offenen Brief. Politiker hätten die Auswirkungen von Gebäuden auf die Gesundheit weitgehend ignoriert, obwohl Menschen 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen verbringen (IWBI / American Public Health Association, 2023).
Die Fachzeitschrift Health Affairs formuliert es am direktesten: Diese Vernachlässigung “shifts the costs of poor health from inadequate housing onto the medical profession.”
Gebäude sind die letzte grosse Branche, in der der Verursacher nicht zahlt. Die Wissenschaft ist seit vierzig Jahren eindeutig und die Kosten sind quantifiziert. Aber solange Innenraumluft als Privatangelegenheit gilt, bleibt die Rechnung beim Gesundheitssystem.