Content-Müdigkeit mit mehr Content bekämpfen

Endlich habe ich es geschafft, Instagram und Facebook endgültig von meinem iPhone zu löschen. Ich hatte die Schnauze regelrecht voll und ich sehe es als Trend auch bei anderen. Ok, Trend ist es keiner, aber die Content-Müdigkeit ist wirklich sichtbar. Die Leute haben Inhalte nicht nur auf den üblichen Social Media-Kanälen satt. Und obwohl sie weiter scrollen, nehmen sie inhaltlich rein gar nichts mehr auf. Was ich aber wirklich bemerkenswert finde, ist die Reaktion der meisten Content-Produzenten: noch mehr Content. Nur eben schneller produziert, weil mit KI. Es ist allen Ernstes eine Strategie eines mir bekannten Unternehmens, die mangelnde Wahrnehmung ihrer Inhalte durch noch mehr Content zu kontern. Das ist wie Übergewicht mit noch mehr Essen zu behandeln, und dazu mit ausschließlich industriellen Lebensmitteln. Mir wird schon beim Gedanken an das Bild schlecht. Youtube habe ich noch und es lässt sich psychologisch einfach nicht vermeiden, dann doch ein paar Reels zu scrollen. Ich fühle mich als Opfer. Und es nervt mich.

Das Problem ist nicht nur, dass der Content falsch oder schlecht ist, sondern wir werden davon regelrecht mit absolut unverdaulichen Portionen vollgestopft. Mein einziger persönlicher Erfolg ist, dass ich den Teller nicht mehr leer esse.

Es gibt einfach zu viel Content. Jede Firma produziert ihn dank KI in Massen. Komplett unreflektiert wird er im Stundentakt über die Content-Kanäle ausgeschüttet. Ich weiß nicht mit welchem Faktor die schiere Menge sich in den letzten Jahren vervielfacht hat, aber die Aufnahmefähigkeit der Menschen wurde bis zum Maximum ausgereizt. Ein Gefäß, das voll ist, nimmt einfach nichts mehr auf. Ein Hirn, das zugedröhnt ist, scrollt einfach nur noch apathisch durch.

Der Kreislauf der Content-Müdigkeit

Was KI bei der Content-Produktion tut, ist nicht die Qualität erhöhen, sondern die Schwelle senken. Was vorher einen Texter und einen halben Tag Arbeit brauchte, braucht jetzt einen Prompt und drei Minuten. Umso übler vollgestopft mit Gewalt, Sex, Fails und Drama, umso besser. Also nicht besser, aber zumindest in der Wahrnehmung noch irgendwie präsenter. Aber Statistiken sagen, dass auch das vorbei ist, denn offensichtlich ist eine Schmerzgrenze überschritten. Nichts gegen Katzenvideos aber es wird nicht besser durch noch mehr Katzenvideos.

KI kann hilfreich sein, die richtige Botschaft zur richtigen Zeit an die richtige Person zu senden aber in der Praxis heisst das: zwanzig Firmen senden gleichzeitig die angeblich richtige Botschaft an dieselbe Person. An eine Person, die in dem Moment vielleicht schon längst abgeschaltet hat.

Content-Müdigkeit löst man nicht mit besserem Content und schon gar nicht mit mehr, sondern mit weniger. Mit Stille und dem eloquenten Verzicht, was zu sagen, wenn man nichts zu sagen hat. Das steht natürlich in keinem Marketingbuch, weil Verzicht kein Geschäftsmodell ist. Aber sollte ich nochmal ein Buch über KI schreiben, dann wird das definitiv ein Thema.

Ich habe in meinem Leben Texte gelesen, die mich als Person verändert und weitergebracht haben. Nicht weil es so viele Texte gab, sondern weil jemand wirklich etwas zu sagen hatte. Nicht weil der Redaktionsplan es verlangte. Den Unterschied merkst du sofort, manchmal schon im Titel.

KI kann Texte produzieren, aber sie weiss noch nicht, wann man besser nichts sagen sollte.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.