Diversity-Washing durch KI
Es gibt eine Funktion namens Virtual Try-On. Der Kunde sieht Kleidung an einem virtuellen Model, das seinem Körpertyp entspricht. Verschiedene Hautfarben, verschiedene Körperformen, verschiedene Größen. Alles generiert. Präsentiert wird das als Fortschritt in Sachen Diversität.
Ich lese solche Beschreibungen und denke: Das ist das Gegenteil von Diversität.
Diversität bedeutet, dass verschiedene Menschen beteiligt sind. Nicht abgebildet. Beteiligt. Dass ein Model mit dunkler Haut vor der Kamera steht und bezahlt wird. Dass ein Model mit Größe 46 gebucht wird und einen Vertrag bekommt. Dass jemand, der anders aussieht als der bisherige Standard, einen Platz bekommt, der vorher nicht für ihn vorgesehen war.
Was Virtual Try-On macht, ist etwas anderes. Es erzeugt das Bild von Diversität, ohne dass ein einziger diverser Mensch beteiligt ist. Kein Casting. Kein Vertrag. Keine Gage. Ein Algorithmus generiert ein Bild, das aussieht wie Repräsentation, aber keine ist. Die Oberfläche stimmt. Die Substanz fehlt.
Stell dir vor, ein Unternehmen sagt: Wir haben jetzt diverse Models auf unserer Website. Und dann stellst du fest, dass kein einziges davon ein Mensch ist. Dass die Diversität komplett synthetisch ist. Dass niemand eingestellt, bezahlt oder einbezogen wurde. Dass das Unternehmen Diversität zeigt, ohne etwas daran zu ändern, wie es arbeitet.
Das ist nicht Diversität. Das ist Dekoration.
Die Befürworter sehen das anders. Für sie zählt das Ergebnis auf dem Bildschirm. Der Kunde sieht sich repräsentiert. Er sieht jemanden, der ihm ähnlich sieht, in der Kleidung, die er kaufen will. Das funktioniert. Die Conversion steigt. Der Kunde fühlt sich angesprochen.
Aber auf der anderen Seite des Bildschirms hat sich nichts verändert. Dieselben Menschen treffen die Entscheidungen. Dieselben Strukturen bestimmen, wer gebucht wird und wer nicht. Der Algorithmus hat die Oberfläche diverser gemacht, ohne die Strukturen zu berühren.
Das ist billiger. Ein echtes Model kostet Geld. Ein generiertes Bild kostet Rechenzeit. Ein echtes Model hat Rechte. Ein generiertes Bild hat keine. Ein echtes Model braucht ein Team, eine Agentur, eine Buchung, einen Vertrag. Ein generiertes Bild braucht einen Prompt.
Wenn du Diversität als Kosten-Nutzen-Rechnung betrachtest, ist die KI-Lösung überlegen. Mehr Vielfalt, weniger Aufwand. Und genau so wird es verkauft. Als Effizienzgewinn. Mehr Repräsentation bei niedrigeren Kosten.
Aber Repräsentation war nie nur ein Bild. Repräsentation war immer auch ein Job. Ein Einkommen. Ein Platz am Tisch. Wenn du das Bild behältst und den Rest streichst, hast du nicht mehr Diversität. Du hast weniger.
Ich habe in Unternehmen gearbeitet, die Diversity-Berichte veröffentlicht haben. In den Berichten standen Zahlen. Prozent Frauen im Management. Prozent People of Color in der Belegschaft. Die Zahlen wurden präsentiert, und jemand hielt eine Rede darüber, wie wichtig Vielfalt sei. Und dann ging man zurück an die Arbeit und nichts änderte sich.
Virtual Try-On ist die technologische Version dieses Berichts. Es erzeugt sichtbare Diversität, ohne reale Diversität zu erfordern. Es gibt dem Unternehmen das Bild, das es braucht, ohne die Anstrengung, die dahintersteht.
Wer das Fortschritt nennt, verwechselt Oberfläche mit Substanz. Ich nenne es eine Abkürzung. Und Abkürzungen haben einen Preis, den nicht der zahlt, der sie nimmt, sondern der, der umgangen wird.
Irgendwo sitzt ein Model, das diesen Job gebraucht hätte. Dessen Gesicht auf einer Website hätte sein können. Das bezahlt worden wäre. Stattdessen hat ein Algorithmus ein Bild erzeugt, das so aussieht wie dieses Model, aber keines ist. Die Repräsentation hat stattgefunden. Die Person nicht.