Die Ent-Täuschung
Das Wort Enttäuschung hat einen schlechten Ruf. Niemand will enttäuscht werden. Wir vermeiden es, wo wir können. Wir kaufen Versicherungen dagegen, wir umgeben uns mit Bestätigung, wir konsumieren Inhalte, die uns recht geben. Enttäuschung fühlt sich an wie Verlust. Wie Scheitern. Wie etwas, das nicht hätte passieren sollen.
Aber wenn man das Wort aufbricht, steht da etwas anderes. Ent-Täuschung. Ende der Täuschung. Das ist keine negative Erfahrung. Das ist die einzige Art, wie Wahrheit in ein System kommt, das auf Illusion gebaut ist.
Ich habe jahrelang etwas verkauft, das vielleicht auf einer Täuschung beruhte. Nicht auf einer bewussten Lüge. Auf einer kollektiven Vereinbarung, nicht genau hinzuschauen. Die Kunden wollten glauben. Wir wollten verkaufen. Beide Seiten hatten ein Interesse daran, dass die Illusion hält. Und sie hielt. Lange.
Wer kauft so etwas? Sportler. Hausfrauen. Manager. Menschen mit Rückenschmerzen. Menschen, die erschöpft waren. Menschen, die einen Vorteil wollten oder einfach etwas, das ihnen hilft. Kein bestimmter Typ. Kein bestimmtes Milieu. Ein Querschnitt. Und alle hatten eines gemeinsam: den Hunger nach etwas, das wirkt.
Das ist nicht dumm. Das ist menschlich. Wir alle suchen nach Dingen, die uns stärker machen, gesünder, klarer. Wir alle wollen, dass es funktioniert. Und wenn uns jemand etwas in die Hand drückt und sagt, das wird helfen, dann wollen wir das glauben. Nicht weil wir naiv sind. Sondern weil der Wunsch nach Wirkung stärker ist als der Wunsch nach Wahrheit.
Ich wollte es selbst glauben. Ich wünschte mir nichts mehr, als dass es wirkt. Nicht nur wegen des Geschäfts. Weil es einfacher gewesen wäre. Weil der Widerspruch dann aufgehört hätte. Weil ich hätte sagen können: Es funktioniert, die Leute spüren es, die Wissenschaft wird irgendwann nachziehen.
Die Wissenschaft hat nicht nachgezogen.
Die Ent-Täuschung kam langsam. Kein einzelner Moment, kein Blitz, kein Aufwachen. Eher wie eine Schicht, die sich löst. Zuerst kleine Risse. Dann grössere. Dann fällt das Bild, das man sich gebaut hat, in sich zusammen. Nicht dramatisch. Still.
Und danach steht man da und sieht die Dinge, wie sie sind. Ohne Filter. Ohne die Geschichte, die man sich erzählt hat. Das ist kein gutes Gefühl. Es ist ein nüchternes Gefühl. Aber es ist das erste ehrliche Gefühl seit langer Zeit.
Was ich gelernt habe: Wir zahlen einen hohen Preis dafür, nicht enttäuscht zu werden. Wir zahlen mit Geld, wenn wir Dinge kaufen, die nicht halten, was sie versprechen. Wir zahlen mit Zeit, wenn wir in Situationen bleiben, die nicht funktionieren. Wir zahlen mit Selbstachtung, wenn wir Dinge verteidigen, an die wir selbst nicht mehr glauben.
All das zahlen wir, um die Täuschung aufrechtzuerhalten. Um nicht hinschauen zu müssen. Um weiter glauben zu können, dass es stimmt, was wir uns erzählen.
Das gilt nicht nur für Armbänder mit Hologrammen. Das gilt für Jobs, von denen wir wissen, dass sie uns kaputtmachen. Für Beziehungen, in denen schon lange keiner mehr fragt, ob es noch stimmt. Für politische Überzeugungen, die wir nicht mehr prüfen, weil die Prüfung zu teuer wäre. Für Selbstbilder, die wir polieren, obwohl wir wissen, dass sie nicht echt sind.
Überall zahlen wir den Preis, nicht enttäuscht zu werden. Und überall wäre die Ent-Täuschung der billigere Weg. Weil sie nur einmal weh tut. Die Täuschung aufrechtzuerhalten kostet jeden Tag.
Ich habe die Lüge dieser Zeit in mir getragen. Nicht als grosse Verschwörung. Als alltägliche Vereinbarung. Und der Lösungsprozess war erst abgeschlossen, als ich bereit war, das Wort Ent-Täuschung nicht als Verlust zu sehen, sondern als das, was es ist: der einzige Weg raus.
Echte Wandlung ist nur durch Ent-Täuschung möglich. Das ist unbequem. Das tut weh. Das will niemand hören. Aber es ist der einzige Satz in dieser ganzen Geschichte, den ich ohne Einschränkung unterschreiben kann.
Wir können weiter dafür zahlen, nicht enttäuscht zu werden. Oder wir können den Preis einmal zahlen und danach klarer sehen.
Ich habe gezahlt. Es war es wert.