Die Ent-Täuschung
Enttäuschung ist das, was wir im Leben unter allen Umständen vermeiden wollen. Niemand will enttäuscht werden. Und es haben sich ganze Konsumfelder deswegen entwickelt, die über Enttäuschungen hinwegtäuschen und uns mit Bestätigung trösten. Man kann sich sogar gegen Enttäuschung versichern, denn Enttäuschung ist ein Verlust. Eine negative Erfahrung und ein Scheitern, das uns nicht hätte passieren sollen.
Das Wort selbst meint aber etwas ganz anderes: Ent-Täuschung. Das Ende der Täuschung. Das ist gar keine negative Erfahrung. Es ist vielmehr die einzige Möglichkeit, Illusion durch Wahrheit zu zerstören.
Warum schreibe ich das? Ich habe jahrelang etwas verkauft, das vielleicht auf einer Täuschung beruhte. Ein Armband mit dem Namen Power Balance und da darin ein Hologram war, war der Name Programm. Beim Tragen eines Armbands mit dem Hologramm bekommt man sofort mehr Power und Balance. Das war keine bewusste Lüge, sondern eine kollektive Vereinbarung, das nicht weiter zu hinterfragen. Natürlich haben es viele hinterfragt, aber sie wurden durch einen simplen Test, den man am eigenen Leib spürt stumm geschaltet. Die Kunden wollten das auch glauben, weil sie händerringend nach irgendwas gierten, das ihnen mehr Kraft, Balance und Energie gibt. Und wir wollten verkaufen. Beide Seiten hatten ein Interesse daran, dass die Illusion hält. Und das tat sie. Lange.
Wer kauft so etwas? Jeder. Ohne Einschränkungen. Egal ob Sportler oder Manager oder Menschen mit körperlichen Beschwerden, wie Rückenschmerzen. Viele Menschen sind erschöpft und wollten irgendwas, das ihnen hilft. Jeder wollte daran glauben. Jeder wollte, dass sie endlich etwas bekommen, das ihnen hilft und sie es einfach am Handgelenk tragen konnten.
Das ist nicht dumm, sondern das ist menschlich und unsere Kunden waren nicht dumm, sondern sie sind wie jeder Mensch auf der Suche nach Dingen, die ihn stärker und gesünder machen. Wir alle wollten also, dass es funktioniert. Und wenn uns jemand etwas in die Hand drückt und sagt, das wird helfen, dann wollen wir das glauben. Nicht weil wir naiv sind. Sondern weil der Wunsch nach Wirkung stärker ist als der Wunsch nach Wahrheit.
Natürlich wollte ich es selbst glauben und ich habe auch schon in anderen Essays betont, wie sehr ich mir wünschte, dass es wirkt. Weil der Widerspruch dann aufgehört hätte: Es funktioniert, die Leute spüren es, die Wissenschaft wird irgendwann nachziehen.
Das Problem war: Die Wissenschaft hat nicht nachgezogen.
Die Ent-Täuschung kam langsam. Es war kein einzelnes AHA-Erlebnis, sondern eine schleichende Entwicklung, die Schicht für Schicht die Hoffnung abgetragen hatte. Und es wurde uns langsam bewusst, dass ein Happy End in immer weitere Ferne rückt. Ernüchterung auf allen Ebenen.
Viele lernten dabei, wie hoch der Preis dafür ist, mit aller Macht nicht enttäuscht zu werden. Es ist nicht das Geld, das wir bezahlen, wenn wir Dinge kaufen, die nicht halten, was sie versprechen. Es ist mehr die Zeit, die wir zur Aufrechterhaltung einer Illusion einsetzen, die irgendwann in sich zusammenfallen muss. Aber vor allem ist es die Selbstachtung, wenn wir Dinge verteidigen, an die wir selbst gar nicht mehr glauben. Das wirkt besonders tief.
All das ist der Preis dafür, um die Täuschung aufrechtzuerhalten und uns gegenseitig davon zu überzeugen, dass es stimmt, was wir uns erzählen.
Natürlich gilt das nicht nur für Armbänder mit Hologrammen. Das gilt für so vieles, angefangen bei den Jobs, von denen wir wissen, dass sie uns nicht glücklich machen, oder die Beziehungen, in denen schon lange kein ehrliches Wort mehr gewechselt wird. Es gilt in allen Maßstäben. Auch bei politischen Überzeugungen, die wir nicht mehr prüfen, weil Ideologien uns mehr versprechen als die harte Realität des gemeinsamen Überlebenskampfs.
Überall zahlen wir einen Preis dafür, nicht enttäuscht zu werden. Und überall wäre die Ent-Täuschung der bessere Weg. Weil sie nur einmal weh tut. Aber die Täuschung aufrechtzuerhalten kostet jeden Tag zu viel Energie, die, wenn sie mal zu Ende ist, nicht mehr zurückkommt. Das ist tiefe Enttäuschung, die wir dann Trauma nennen.
Ich habe die Lüge dieser Zeit in mir getragen. Nicht als grosse Verschwörung, sondern als Aufrechterhaltung einer alltäglichen Vereinbarung, dass Selbsttäuschung der bessere Deal ist. Doch das bröckelte. Und der Lösungsprozess war erst abgeschlossen, als ich bereit war, das Wort Ent-Täuschung nicht als Verlust zu sehen, sondern als das, was es ist: der einzige Weg raus.
Ich bin davon überzeugt, dass echte Wandlung nur durch Ent-Täuschung möglich wird. Das ist unbequem und es tut weh. Und auch wenn es niemand hören will, aber wir haben jeden Tag die Wahl: Wir können weiter dafür zahlen, nicht enttäuscht zu werden. Oder wir können den Preis einmal zahlen und danach klarer sehen. Irgendwann habe ich gezahlt. Nicht weil ich wollte, sondern eher weil ich irgendwann nicht mehr anders konnte. Also habe ich gezahlt. Und es war es wert.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.