Effizienz ohne Urteil

Alle reden davon, Effizienz neu zu definieren. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was das bedeutet. Und ich glaube, es bedeutet nichts. Effizienz ist Effizienz. Mehr Output pro Zeiteinheit. Das ist nicht neu. Das ist dieselbe Definition seit der Industrialisierung. Was neu ist, ist die Geschwindigkeit. Und genau da liegt das Problem.

Wenn alles schneller geht, wird die langsamste Stelle zum Engpass. Was ist die langsamste Stelle? Der Mensch. Nicht als Arbeitskraft, die ist ersetzbar. Sondern als jemand, der beurteilen muss, ob das, was produziert wurde, gut ist.

Ein Kollege zeigte mir letzte Woche einen Report, den er mit KI erstellt hatte. Zehn Seiten, sauber formatiert, mit Grafiken und Handlungsempfehlungen. Er brauchte zwanzig Minuten dafür. Was vorher einen Tag dauerte. Ich fragte ihn, ob er den Report gelesen hat. Er schaute mich an, als wäre die Frage seltsam. Natürlich, sagte er. Überflogen.

Überflogen. Zehn Seiten Handlungsempfehlungen, auf deren Basis Entscheidungen getroffen werden, überflogen. Nicht weil er faul ist. Sondern weil die Geschwindigkeit der Produktion die Erwartung verändert hat. Wenn etwas in zwanzig Minuten entsteht, behandelst du es wie einen Entwurf, nicht wie ein Ergebnis. Aber es wird als Ergebnis weitergereicht.

Das ist, was passiert, wenn Effizienz steigt, ohne dass das Urteilsvermögen mitzieht. Du produzierst mehr. Du prüfst weniger. Und das Verhältnis verschiebt sich mit jeder Beschleunigung weiter.

KI kann in Minuten leisten, wofür Teams Wochen brauchen. Das stimmt. Für manche Aufgaben. Aber die Teams brauchten die Wochen nicht nur zum Produzieren. Sie brauchten sie zum Denken. Zum Diskutieren. Zum Verwerfen. Die Zeit war nicht Verschwendung. Sie war der Raum, in dem Urteil entstand.

Urteilsvermögen braucht Zeit. Nicht weil Menschen langsam sind, sondern weil eine gute Einschätzung verlangt, dass du etwas sacken lässt. Dass du einen Entwurf morgens anders siehst als abends. Dass du mit jemandem darüber sprichst und die Lücken merkst. Dieser Prozess lässt sich nicht beschleunigen. Er ist menschlich. Und er ist das Einzige, das bleibt, wenn der Rest automatisiert ist.

Ich kenne Unternehmen, die ihren Content-Output seit Einführung von KI verfünffacht haben. Newsletter, Blogposts, Social Media, Reportings. Alles fünfmal so viel wie vorher. Die Qualitätskontrolle ist dieselbe geblieben. Eine Person, die jetzt fünfmal so viel überflogen muss. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Fehler passieren. Flache Inhalte passieren. Aussagen, die niemand geprüft hat, passieren. Aber der Output stimmt.

Effizienz ohne Urteil ist schnelleres Rauschen. Das ist kein Fortschritt. Das ist Lautstärke.

In den Unternehmen nennen sie das “Produktivitätsgewinn”. Und in den Tabellen stimmt das. Die Zahlen gehen nach oben. Mehr produziert, weniger Zeit investiert, Kosten gesunken. Aber Tabellen messen nicht, ob das, was produziert wurde, etwas taugt. Sie messen Menge. Und Menge ist nicht Wert.

Ich warte darauf, dass jemand Langsamkeit als Kompetenz beschreibt. Dass jemand sagt: Ja, KI kann in zwanzig Minuten einen Report erstellen. Aber die eigentliche Frage ist, wer sich danach zwei Stunden hinsetzt und prüft, ob der Report stimmt. Und ob das, was darin steht, getan werden sollte.

Das wäre die neue Definition von Effizienz. Nicht schneller produzieren. Sondern besser urteilen.