Simulation von Empathie als Feature

KI-Influencer bringen Emotionen und Überzeugungskraft ins Marketing. Klar, dass sie das simulieren. Die Freude und die Wut, das Mitgefühl, das sie oft überschwänglich zum Ausdruck bringen. Sie drücken etwas aus.

Ausdruck impliziert, dass etwas Inneres nach aussen kommt. Meist in Form einer sogenannten Botschaft. Und es wird impliziert, dass es für den Ausdruck der Botschaft auch eine Quelle gibt. Also ein tatsächlich existentes Gefühl, das im Video authentisch sichtbar wird. Bei einem normalen Menschen ist das meistens so. Du bist traurig und dein Gesichtsausdruck zeigt es. Das gleiche gilt für Freude. Deine Stimme verändert sich, jeder spürt, dass es von innen kommt. Bei Influencern soll jeder spüren, dass es von innen kommt. Wir unterstellen KI-Influencern hier, dass das auch für sie gilt.

Aber: Bei einer KI kommt nichts von innen. Es gibt kein Innen. Also schon, den Code und seine Parameter, die so gesetzt sind, dass ein Output entsteht, der von aussen wie Freude aussieht. Mundwinkel gehen nach oben, Augen verengen sich leicht, die Stimme wird wärmer, alles passt zusammen. Aber nichts davon ist echt. Natürlich. Alle wissen das. Die Entwickler sowieso und die User, also die Follower eigentlich auch. Vorausgesetzt, sie wissen, dass es sich um eine KI-generierte Figur handelt.

Warum funktioniert simuliertes Mitgefühl in diesem Umfeld, wo eigentlich jeder Bescheid weiß? Immerhin sind es keine besonders geschickt getarnten Täuschungsmanöver. Einige davon schon, aber man müsste es durchschauen, denn die meisten wissen, dass eine KI dahintersteckt. Fakt ist: Die Leute reagieren darauf. Sie fühlen sich angesprochen und interagieren oft als ob es sich um richtige Menschen handeln würde.

Echtes Mitgefühl setzt Aufmerksamkeit voraus und wenn ein Freund gerade heute einen schlechten Tag hat und dir nicht zuhören kann, dann klappt es eben nicht immer perfekt. Aber wir verknüpfen in der Regel echtes Mitgefühl auch an echte Menschen mit dem Makel, dass echte Menschen manchmal nur begrenzt verfügbar sind.

Simuliertes Mitgefühl hingegen ist immer verfügbar. Es hat auch nie einen schlechten Tag und vergisst auch nichts. Es stellt immer eine perfekte Oberfläche von etwas dar, das eigentlich Tiefe braucht oder aus der Tiefe kommt. Und wenn die Oberfläche reicht, wenn du also nur jemanden brauchst, der lächelt und sagt, dass er dich versteht, dann reicht die Simulation.

Die Frage ist, ob wir uns mit der Oberfläche zufrieden geben. Oberflächlichkeit ist jetzt nicht unbedingt eine Eigenschaft, die wir an unseren Mitmenschen schätzen. Oder wir gewöhnen uns einfach langsam daran, dass sie reichen muss, weil das echte Mitgefühl vielen vielleicht zu anstrengend geworden ist.

Die Tech-Branche behandelt simulierte Empathie als Feature. KI-Influencer können in der Tat emotionale Verbindungen aufbauen, wenn die Urteilskraft des menschlichen Gegenübers akzeptiert. Allerdings entsteht hier eine emotionale Verbindung ohne echte Emotion und ohne echte Verbindung. Nur die Oberfläche von beidem.

Ich habe in meinem Leben genug Situationen erlebt, in denen Mitgefühl meine Stimmung echt gerettet hat. Es waren nicht die Worte, die den Unterschied machten, sondern die Tatsache, dass jemand da ist. Es war seine Präsenz weil er sich Zeit für dich nimmt und dir seine Emotionen schenkt. Das ist echte emotionale Verbindung, die letztendlich zählt und eine Stimmung verändert. Es geht nicht um das, was gesagt wird, sondern was es dem Sagenden bedeutet, das zu sagen. Das, was man dabei spürt.

Eine KI kostet zunächst mal nichts. Klar die Server und die Energie. Aber darüber reden wir hier nicht. Der KI kostet es nichts, sich zu überwinden, zuzuhören und berechnete Signale zurückzusenden. Sie ist hinterher nicht erschöpft und man liegt sich auch nicht mit ihr in Tränen in den Armen. Auch ihr Risiko, was Falsches zu sagen ist überschaubar und deswegen hat sie davor auch keine Angst. Oder ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht mehr tun kann. Das sind aber die Unterschiede zu echtem Mitgefühl. Nicht die Qualität der Worte, sondern der imaginäre Preis, den jemand für Mitgefühl zahlt. Ich mag diesen Satz überhaupt nicht, aber er soll den Unterschied zwischen emotionaler Kälte und Wärme rationalisieren.

Meine Erkenntnis aus diesen Gedanken ist: Wenn Empathie ein Feature ist, das man aktivieren und deaktivieren kann, dann ist es keine Empathie, sondern das Gegenteil. Und meine Sorge ist: Wenn man das zu sehr kultiviert, dann verlernen wir schnell, wie sich das Echte anfühlt.

Ich weiss nicht, wie weit das geht, und ich bezweifle, dass es jemand vorhersagen kann. Ich weiss auch nicht, ob es jemals eine Generation geben wird, die echtes Mitgefühl für langsam und unperfekt hält, weil sie mit der polierten Version aufgewachsen ist.

Aber ich weiss, dass wer simulierte Empathie als Fortschritt beschreibt, Empathie mit Output verwechselt. Wir brauchen also einen neuen Begriff für Output-Empathie.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.