Das Ende der Entscheidung
Datenanalyse ist ein Inbegriff der Logik. Und der Prozess einer Datenanalyse soll natürlich logisch sein: Erst wird die Datenlage analysiert, also was bis jetzt vorhanden bzw. passiert ist, die zweite Stufe prognostiziert, was passieren wird und die dritte wird Prescriptive Analytics genannt. Sie erklärt dir, was du tun sollst. Jede Stufe ist also ein Fortschritt und die letzte Stufe ist das Ziel. Also die Handlungsempfehlung.
Soweit, so normal. Prescriptive Analytics ist allerdings nicht über ein technisches Upgrade zu lösen. Das ist etwas grundlegend anderes und das wird im Technikwahn oft übersehen.
Die ersten beiden Stufen, Descriptive und Predictive Analytics liefern Informationen. Du bekommst eine Analyse und eine Prognose, und dann entscheidest du. Du kannst die Daten nehmen, sie anhand deiner Erfahrung einschätzen, mit deinem Team besprechen und zu einem Schluss kommen, der möglicherweise anders ist als das, was die Zahlen nahelegen. Das ist unternehmerisches Urteil und der Kern dessen, was Führung bedeutet.
Prescriptive Analytics macht etwas anderes. Sie entscheidet. Formell steht immer noch ein Mensch da, der die Empfehlung absegnet. Aber die Empfehlung kommt aus einem Modell, das mehr Variablen berücksichtigt als ein Mensch je könnte, das schneller rechnet und weder Emotionen noch Politik noch Ego kennt. Und wenn die Empfehlung der Maschine in den meisten Fällen besser ist als die des Menschen, was bedeutet dann die letzte Entscheidung des Menschen noch?
Sie wird zur Formalität. Der Mensch bestätigt nur noch, was ein Algorithmus empfiehlt, nicht weil er gezwungen wird, sondern weil Widerspruch irrational wäre. Wer würde seine Position riskieren, um gegen die Empfehlung eines Algorithmus zu entscheiden, der nachweislich bessere Ergebnisse liefert?
Genau das macht Entscheidungen fragwürdig. Ich behaupte, sie verschwinden stillschweigend. Nicht mit einem Knall und nicht durch eine schleichende Gewohnheitsveränderung, sondern ganz rational, weil die Zahlen einfach besser sind. Entscheidung setzt voraus, dass du auch anders entscheiden könntest. Dass es eine echte Alternative gibt. Wenn die Alternative heißt, schlechter zu entscheiden als ein Algorithmus, ist es keine Alternative mehr. Es ist eher Verweigerung und keine Entscheidung.
Prescriptive Analytics, so heisst es, helfe Unternehmen, schneller und besser zu entscheiden. Das ist eine Beschreibung, die den eigentlichen Punkt versteckt. Es hilft nicht beim Entscheiden, es ersetzt es. Und die Entscheidung wandert kritiklos von dir zur Software.
Ich habe mit einem CFO gesprochen, der mir das genau so und ganz offen gesagt hat. Er bekommt regelmässig neue Empfehlungen von einem Optimierungssystem zu fundamentalen Themen wie Preisstrategie, Sortiments- und Personalplanung. Er hat schon lange aufgehört, die Empfehlungen zu hinterfragen, weil sie sich jedes Mal als richtig erwiesen. Nicht ungefähr richtig, sondern genau richtig. Und er sagte sich, das brauche ich also nur noch abzusegnen.
Und dann sagte er mir etwas, worüber wir anfangs lachten, aber das mich dann nicht mehr losgelassen hat: Ich weiß nicht mehr, ob ich meinen Job noch mache oder ob ich nur noch anwesend bin.
Quasi eine Identitätskrise aus Optimierung. Das ist nichts Neues. Aber hier ist die zugrunde liegende Frage eine andere: Was passiert mit Menschen, deren Aufgabe die Entscheidung war und wenn die Entscheidung nun besser von einem Computer getroffen wird? Also was macht das mit den Entscheidern, denen ja anfangs Immunität gegen die KI-Ausbreitung bescheinigt wurde? Wenn Software besser urteilt, was bleibt von Führungskräften?
Die Antwort bisher lautete: Der Mensch behält die letzte Instanz, denn er kann immer noch anders entscheiden. Aber eine andere Entscheidung ohne rationalen Grund ist keine Entscheidung mehr, sondern Sturheit. Und Sturheit war als Qualifikation noch nie gefragt.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.