Die falsche Währung
Was machst du? Das ist die erste Frage, die Menschen stellen, wenn sie jemanden kennenlernen. Nicht: Wer bist du. Nicht: Was bewegt dich. Sondern: Was machst du. Die Antwort definiert deinen Wert. Sie bestimmt, ob das Gespräch weitergeht oder nicht.
Ich habe diese Frage dreissig Jahre lang beantwortet. Mit Titeln, Projekten, Firmen, Ergebnissen. Die Antworten waren gut genug. Ich funktionierte im System. Ich lieferte, wurde gelobt, lieferte mehr. Der Mechanismus war einfach: Leistung gegen Anerkennung. Anerkennung gegen Selbstwert. Selbstwert gegen die Fähigkeit, morgens aufzustehen und es nochmal zu machen.
Irgendwann hörte der Mechanismus auf zu funktionieren. Nicht weil die Leistung nachliess. Sondern weil die Belohnung sank, egal wie viel ich lieferte. Es war nie genug. Nicht weil die Ergebnisse fehlten, sondern weil der Massstab mitwuchs. Das Leistungsprinzip hat eine Eigenschaft, über die selten jemand spricht: Es verschleisst. Nicht den Körper zuerst. Den Glauben daran, dass es sich lohnt.
Es gibt einen Moment, der sich anfühlt wie Scheitern, aber keines ist. Der Moment, in dem du merkst, dass du in der falschen Währung rechnest. Dass die ganze Gleichung, Leistung gleich Wert gleich Daseinsberechtigung, nicht aufgeht. Nicht weil du versagst. Sondern weil die Gleichung falsch ist.
Die Leistungsgesellschaft kennt nur eine Antwort auf die Frage, was ein Mensch wert ist: das, was er produziert. Output. Messbar, vergleichbar, austauschbar. Wenn du nichts produzierst, bist du nichts wert. Das steht nirgends geschrieben, aber jeder kennt es. Es steckt in der Frage “Was machst du?”, in der Lücke im Lebenslauf, im Blick der Leute, wenn du sagst, du machst gerade nichts.
Aber es gibt eine andere Währung. Nicht Leistung, sondern Beitrag. Der Unterschied ist fundamental. Leistung ist Output gegen Geld oder Status. Beitrag ist Nutzen für andere, ohne dass sich das in einer Metrik ausdrücken lässt.
Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, ich sei ok. Nicht weil ich etwas Besonderes geleistet hatte. Sondern weil ich nett war. Ich war sechzehn und völlig überrascht. Dass jemand meinen Wert nicht an einer Note festmachte, sondern an dem, was ich in einen Raum brachte. Jahre später sagte mir jemand, wenn ich in einem Raum bin, hat der Raum eine andere Energie. Das sind keine Komplimente. Das sind Datenpunkte. Sie zeigen, dass Wert existiert, der sich nicht in der Sprache der Leistungsgesellschaft ausdrücken lässt.
Das Problem ist nicht, dass diese Währung nicht existiert. Das Problem ist, dass sie nicht akzeptiert wird. Versuch mal, auf die Frage “Was machst du?” zu antworten: “Ich bin da und verändere die Energie im Raum.” Das Gespräch ist vorbei.
Also lügt man. Man erzählt von Projekten, Plänen, Ergebnissen. Man verpackt sich in die Sprache der Leistung, auch wenn sie nicht mehr stimmt. Nicht aus Eitelkeit. Aus Überlebenstrieb. Weil die Alternative Unsichtbarkeit ist.
Ich glaube, das geht vielen so. Menschen, die in Produktivitätsmühlen stecken und spüren, dass ihre eigentliche Stärke woanders liegt. Die etwas beitragen könnten, das sich nicht in Stunden oder Umsatz messen lässt. Aber die Welt hat kein Formular dafür.
Die Frage “Was bin ich wert, wenn ich nichts leiste?” ist falsch gestellt. Nicht weil die Antwort fehlt. Sondern weil “leisten” das falsche Verb ist. Die richtige Frage wäre: Was trage ich bei? Und da wird es still. Nicht weil es keine Antwort gibt. Sondern weil die Antwort in einer Sprache kommt, die die meisten verlernt haben.